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"Nie werde ich das vergessen. Nie"

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Der am 2. Juli 2016 verstorbene Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel hat wie kaum ein anderer Autor zur geschichtssensiblen Kehrtwende in der Theologie der 1980er und 90er Jahre beigetragen.


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Vom alten Schlag

flickr.com / Paval Hadzinski
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In seinem neuen Buch "Gott oder nichts" zeigt Kurienkardinal Robert Sarah deutlich Kante insbesondere gegen die deutsche Kirche: Einer "Rebellion gegen die Lehre Jesu und das Lehramt" werde er sich "entschlossen widersetzen". Sarah mutet dem durchschnittlichen europäischen katholischen Leser einiges zu - auch theologisch. Der hermeneutische Schlüssel, der vieles erklärt, aber zugleich wohl nichts entschuldigt, liegt in seiner eigenen Biografie.

Sie wird die Schicksalsschlacht von Papst Franziskus. Zumindest, wenn man dem medialen Wortgeklingel der Kommentatoren glaubt: Die Familiensynode, bei der im Oktober rund 250 Bischöfe aus aller Welt die kirchliche Lehre zur Familie neu austarieren wollen. Im Fokus des öffentlichen Interesses stand zuletzt die Frage, ob es wiederverheiratet Geschiedenen künftig erlaubt sein wird, zur Kommunion zu gehen. So sehr einige Protagonisten der deutschen Kirche auf eine solche Zulassung drängen, so kräftig schallte bereits bei der ersten Synode im vergangenen Jahr von Seiten der afrikanischen Länder ein lautes "Nein" zurück.

Rechtzeitig vor Synodenbeginn hat nun mit Robert Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, ein hoher, bislang eher im Hintergrund agierender Kurienkardinal seine Stimme erhoben, die aufgrund seiner Herkunft aus Guinea auch als Stimme Afrikas in der Weltkirche gilt. In seinem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch "Gott oder nichts" scheut der sonst so sanfte Sarah nicht vor scharfen Worten zurück: Wiederverheiratete bleiben "in einer Situation, die dem Gesetz Gottes objektiv widerspricht".

Ein Kommunionempfang ist für sie daher unmöglich - und im Drängen etwa auch der Mehrzahl der deutschen Bischöfe auf eine Neuformatierung der Sakramentenpraxis erkennt Sarah die "Obsession gewisser abendländischer Kirchen, die sogenannte 'theologisch verantwortbare und pastoral angemessene' Lösungen durchsetzen wollen" - diese aber, daran lässt er keinen Zweifel, würden "der Lehre Jesu und dem kirchlichen Lehramt radikal widersprechen". Einer solchen, in Person von Kardinal Marx ausgemachten "Rebellion gegen die Lehre Jesu und das Lehramt" werde er sich - und mit ihm die gesamte afrikanische Kirche, "entschlossen widersetzen".

Der Widerspruch wurzelt in Sarahs Überzeugung, dass die Aufhebung des Verbots der Kommunion für Wiederverheiratete "klar die Lossagung von der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe bedeuten" würde. Die Lehre der Kirche - sie ist ihm sakrosankt und keine Frage von bischöflichen Mehrheitsverhältnissen: "Wie lässt sich verstehen, dass katholische Hirten die Doktrin, das Gesetz Gottes und die Lehre der Kirche über die Homosexualität, die Ehescheidung und die Wiederheirat der Abstimmung unterwerfen, als ob das Wort Gottes und das Lehramt jetzt durch ein Mehrheitsvotum sanktioniert und gebilligt werden müssten?"

Tatsächlich präsentiert sich Sarah in dem Gesprächsband auch darüber hinaus als ein Kirchenmann vom alten Schlag - und zwar im besten Sinne: Er liebt die lateinische Messe, er schätzt geistliche Zucht und geregelte spirituelle Verhältnisse, und er ist ein großer Vorwärtsverteidiger der kirchlichen Tradition gegen alle Anfechtungen des "libertären Denkens". Die säkulare Gesellschaft ist ihm ein Graus, bestimmt von moralischem Verfall, Narzismus und trügerischen Ideologien. Bei Sarah liest sich das so: "Der Mensch wird nicht geboren, um sein Bankkonto in Ordnung zu bringen; er wird geboren, um seinen Nächsten zu lieben und zu Gott zu gelangen." Solche Sätze, wie in Stein gemeißelt, bietet Sarahs Apologie des Katholizismus zu Hauf. Und sie polieren das Christentum nicht selten derart auf, dass sein Glanz nicht nur blendet, sondern in den Augen schmerzt.

Gläubige "in Sackgassen"

Ob Konzilsdeutung, Liturgieentwicklung, "Genderideologie", Lebensschutz oder die europäische "Gottesfinsternis": Sarah zeigt offensiv Kante und Profil. Das Konzil etwa wollte Vertiefung schaffen und neue Sicherheit in einer von Verunsicherungen bestimmten Welt bieten. Tatsächlich habe eine "progressive Hermeneutik" obsiegt und die Gläubigen "in Sackgassen" geführt. Der Zeitgeist habe Einzug gehalten in die Kirche, und die Glaubenszeugnisse von Ordensleuten und Priestern geschwächt. Die Logik des Niedergangs ist die bestimmte Perspektive der Weltsicht Sarahs. So sieht er etwa in der "Genderideologie" eines ideologischen Hauptübel der Gegenwart, insofern er darin Fragmente eines missgestalteten Marxismus entdeckt - jenes Marxismus, dessen hässliche Fratze er selbst in Form des marxistischen Diktators Sekou Toure in Guinea erleben musste.

Unter einem falschen Gleichheitsverständnis - einem "ideologischen Egalitarismus" - leide nicht nur die traditionelle Familie, sondern letztlich auch die Frauen selbst, so Sarah. "Dem Plan Gottes folgend, ist die Frau Mutter und der Mann ist Vater". Punkt. Gleichheit sei dagegen "keine Schöpfung Gottes". Die "Genderideologie" transportiere daher "eine primitive Lüge", wenn sie "die Realität des Menschen als Mann und Frau negiert". Ihr Ziel sei die "Dekonstruktion der sozialen Ordnung".

Zu den großen Themen Sarahs zählt auch der Lebensschutz. Ob Schwangerschaftsabbrüche Verhütungsmittel, Homosexualität oder Euthanasie: In ihrem Kern sei dies nichts anderes als eine "Kriegserklärung gegen das Leben". Dagegen sei Gott zweifellos "bei denen, die das Leben verteidigen". Gerade aufgrund seiner Herkunft und seiner Kenntnis der Situation in Afrika mag man Sarah diese groben Vereinfachungen gerade auch im moralischen Werturteil verzeihen.

Weiblicher Kardinal? Lächerlich!

Afrika, seine persönlichen biografischen Wurzeln, werden auch zum Leitmotiv bei Sarahs Positionierung in Fragen der Familienpastoral, also bei jenen Fragen, über die die kommende Bischofssynode im Oktober im Vatikan beraten wird. "Ich glaube, dass Europa und das Abendland die Bedeutung der Familie wiederfinden müssen, indem sie auf die Traditionen schauen, die Afrika niemals aufgegeben hat. Auf meinem Kontinent stellt die Familie als Wiege der selbstlosen Liebe den Schmelztiegel an Werten dar, die die ganze Kultur (...) mit der Weisheit und den moralischen Grundsätzen versorgt. (...) Es ist die Familie, die die Fundamente legt, auf denen wir das Gebäude unserer Existenz errichten. Die Familie ist die kleine Kirche, in der wir anfangen, Gott zu begegnen, Ihn zu lieben und eine persönliche Beziehung zu Ihm zu knüpfen."

Deftig wird er in diesem Zusammenhang bei der Frage nach Frauen im geistlichen Stand: "Die Idee eines weiblichen Kardinals ist genauso lächerlich wie die eines Priesters, der Nonne werden möchte! Der Maßstab der Kirche bleibt Christus, der sich Männern und Frauen gegenüber richtig verhielt, indem er einem jeden die Rolle gab, die ihm zustand." Und so ist es letztlich das von der modernen Philosophie vielfach belächelte Naturrecht in Form einer konstatierten Analogie zwischen Gott und menschlicher Natur, zwischen kirchlicher Moral und natürlichem Sittengesetz, die bei Sarah jeder Satz atmet.

Sarah zeigt sich somit als Freund der Dualismen, des entweder-oder: Entweder Gott - oder Nichts, wie es schon im Titel heißt. Entweder ist man ein "Freund Gottes" oder ein Freund dieser Welt. Sarah wähnt die Zivilisation in einem Endkampf, in "der letzten Phase der Zivilisation der Zerstreuung". Glaube, Liebe, Vertrauen und Treue stehen dagegen für den Kardinal auf der Haben-Seite des Glaubens: Sie markieren die glückliche Allianz eines gelingenden Lebens mit Gott.

Achtung vor Franziskus

Bei so kraftvollen, weniger auf Dialog als vielmehr auf Position bedachten Worten stellen sich am Ende zwei Fragen: Wie stellt sich Sarahs Verhältnis zu Papst Franziskus dar? - Und woraus schöpft dieser so kraftvoll auftretende Kirchenmann sein Selbstvertrauen? Was ist der Fels, auf dem seine Überzeugungen gründen?

Sarahs Verhältnis zu Papst Franziskus - soviel lässt sich nach der Lektüre seines Buches sagen - scheint von hoher Anerkennung und Achtung, von selbstverständlicher Loyalität gekennzeichnet zu sein, weniger jedoch von der Herzlichkeit, in der Sarah immer wieder etwa auf Papst Benedikt XVI. oder Johannes Paul II. blickt. Auch wenn das letzte Kapitel unter dem Titel "Evangelii Gaudium" ausdrücklich der Interpretation dieses großen Schreibens von Papst Franziskus gewidmet ist, so fällt seine Antwort auf die Frage nach den Unterschieden zwischen Franziskus und Benedikt doch denkbar knapp aus: Beide wiesen "fraglos große Unterschiede im Stil" auf - "auf der einen Seite ein zurückhaltender Mann mit der Feinfühligkeit eines Benediktiners, auf der anderen ein bodenständiger Pastor, ein Jesuit", ihre grundsätzliche Sicht der Kirche könne man jedoch "in dieselbe Richtung deuten."

Der hermeneutische Schlüssel zu Sarahs felskantiger Theologie ist zugleich das Geheimnis seiner Authentizität: es ist seine afrikanische Herkunft. Geboren 1945 in einem abgelegenen Dorf Guineas, wuchs er in einem festen Familien- und Glaubensgefüge auf, wo der Himmel bestirnt und die Erde Schauplatz eines Endkampfes zwischen Gut und Böse, Gott und Teufel ist: "Es war ein einfaches Leben, ohne Zwischenfälle - demütig und vertrauensvoll". Mission - das erfuhr Sarah schon in frühen Jahren - ist keine Vergewaltigung eingeborener religiöser Formen, sondern die Fackel, die das Licht des Christentums in die Dunkelheit trägt. Den Alltag in seinem Dorf, die ersten religiösen Gehversuche - zunächst an der Seite seines Vaters, dann in wechselnden Priesterseminaren - zeichnet Sarah einfühlsam und schnörkellos, gerade in seiner Sprache und authentisch.

So bleibt seine Biografie der hermeneutische Schlüssel, der Subtext, ohne den sich die Verve und Vehemenz des mit allen Sinnen Gott Suchenden nicht verstehen lässt. Es sind gerade diese biografischen Notizen, die das Buch - bei aller irritierenden Knorrigkeit im Beharren auf der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes - zur lesenswerten Biografie eines unbestechlich loyalen Kirchenmannes werden lassen, bei dem Theologie und Biografie untrennbar zusammenfallen. Zugleich ist es eine enzyklopädische Zusammenschau der großen Tradition des kirchlichen Lehramtes im 20. Jahrhundert; ein dialogischer Katechismus, der den - in seinem Ausgang offenen - Versuch einer großen Synthese von Gesellschaft, Individuum, Glauben und Moral wagt.

Erschienen gekürzt in der Zeitschrift "Cicero" und in Langfassung im Kathpress-Infodienst
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45 Cent für ein Taufgeschenk...

Foto: flickr.com / keso s
Foto: flickr.com / keso s

Mit 1,32 Euro ist man bei Fürbitten dabei. 1,16 Euro muss man für Taufpaten auf den Tisch legen - und für nur 45 Cent gibt's Taufgeschenke. Nein, hier geht's nicht um Schnäppchen aus dem Webportal "geizhals.at", hier geht's um die harte Währung der Aufmerksamkeit im Internet. Wer bei Suchanfragen zu den Begriffen "Fürbitten", "Taufpaten" oder "Taufgeschenke" mit seiner Website in der Ergebnisliste ganz oben mitmischen möchte, wer also "sichtbar" sein möchte im Internet, der muss zum Teil tief in die Tasche greifen und je nach aktueller Häufigkeit der Anfragen, also je nach Wert des Suchbegriffs, pro "Klick" an Google Beträge von bis zu 1,32 Euro überweisen.

Das hört sich nach einem Schnäppchen an - tatsächlich können so jedoch z.B. beim Begriff "Taufgeschenk" bis zu 1.600 Euro pro Monat zusammenkommen. Denn aktuell weist Google eine Anfrageintensität von rund 3.600 Suchanfragen nach dem Begriff "Taufgeschenk" pro Monat aus. Will man kirchlicherseits alle Suchanfragen auffangen und in "Klicks" auf die eigenen Websites lenken, kann's teuer werden.

 

Umschau unter den österreichischen Diözesan-Websites

 

Willkommen in der schönen neuen Welt der Online-Kommunikation, die auch vor kirchlichen Angeboten und also kirchlichen Websites nicht Halt macht. Gewiss, man muss in der kirchlichen Kommunikationsarbeit nicht jedem (Online-)Trend hinterherlaufen - wenn man aber den Glauben als kommunikatives Geschehen begreift und die Sendung der Kirche in der Welt als Angebot an alle Menschen versteht, so wird man nicht umhin kommen, diese modernen Marktplätze der Öffentlichkeit, diese "digitale Agora" mit ihren eigenen Gesetzen und Regeln als "Zeichen der Zeit" ernst zu nehmen.

 

Eine Umschau zu liturgischen und sakramententheologischen Online-Angeboten auf kirchlichen bzw. diözesanen und überdiözesanen Websites muss daher zum einen stets fragmentarisch bleiben, da der Bereich der Online-Kommunikation in ständiger Bewegung und Entwicklung ist – und zweitens muss er für den Experten und theologisch Versierten ernüchternd wirken. Denn – so eine erste Beobachtung – es überwiegt eine stark vom „User“ her gedachte Aufbereitung der Themen. Diese „User“ splitten sich in der kirchlichen Online-Kommunikation in derzeit drei verschiedene Gruppen auf: Die Kirchennahen und religiös Affinen, die interessiert Fernstehenden sowie die der Kirche überwiegend kritisch Gegenüberstehenden.

 

Antworten wir auf die Fragen der Menschen?

 

Es werden die Fragen dieser Gruppen im Blick auf die Themen Liturgie und Sakramente antizipiert und auf dieser Basis Antworten gegeben. Angenommen wird dabei ein Sakramenten- und Liturgie-Verständnis, das sich vornehmlich am „Service-Charakter“ von Kirche orientiert. Sakramente und Gottesdienste werden – so entsprechend eine zweite Beobachtung – als kirchliche Handlungsakte in der Welt verstanden, den öffentlichen Angeboten anderer großer Institutionen wie etwa den Volkshochschulen nicht unähnlich. Bestätigt wird dieser Befund im Übrigen durch die Anfragen, die auf diözesanen wie auf überdiözesanen Webportalen einlaufen. Diese betreffen zum großen Teil konkrete sakramententheologische Fragen – allerdings stets mit einem durch und durch praktischen Impetus: „Ich möchte mein Kind taufen lassen, mein Mann und ich sind aber schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten. Geht das?“ oder aber: „Wir möchten kirchlich heiraten, allerdings nicht in unserer Heimatpfarre, sondern in der Toskana. Was müssen wir tun?“

 

Beim Versuch, diese Zielgruppen gleichermaßen mit Informationen zu Sakramenten und/oder Liturgischem zu bedienen, wählen die Diözesen – grob gesagt – zwei verschiedene Zugänge: Die Mehrheit wählt den „lebensweltlichen“ Zugang und erschließt die Themen „anthropologisch“, d.h. Ausgehend von der jeweiligen Lebenssituation. So eröffnet etwa die Diözese Feldkirch das Thema Taufe unter dem Titel „Start ins Leben“ mit folgendem Satz: "Ein Kind kommt zur Welt, eine Lebensgeschichte beginnt. Wünsche und Hoffnungen, aber auch Sorgen und Ängste stehen am Beginn dieses Lebens, von dem wir nicht wissen, was es bringen wird. Dieser Lebensstart ist unweigerlich auch mit der Frage verbunden, in welchem Glauben das Kind hineinwachsen kann." (http://www.kath-kirche-vorarlberg.at/themen/taufe/willkommen).

 

Welchen Zugang wählen wir? Lebensweltlich oder eher informationslastig?

 

Einen ähnlichen Zugang wählt auch das offizielle Portal der Katholischen Kirche in Österreich, „katholisch.at“, wo es zu den Sakramenten heißt: „Schenkt man jemandem eine Rose, so sagt dies dem Beschenkten 'Ich liebe Dich' oder 'Ich wünsche Dir baldige Besserung', vielleicht auch einfach 'Es ist schön, dass es Dich gibt'. Die Rose drückt etwas aus: Liebe und Zuneigung, die sonst unsichtbar sind. Ihre Botschaft gilt. Ähnlich ist es auch mit einem Sakrament (…). Sakramente bringen die Liebe und die Nähe Gottes zu uns Menschen zum Ausdruck.“ (http://www.katholisch.at/site/glaubenfeiern/article/105003.html)

 

Die Diözese Innsbruck hingegen wählt einen theologischen und damit stärker auf das „interne“ bzw. kirchenaffine Publikum zugeschnittenen Einstieg und formuliert: "Die Taufe ist eines der sieben Sakramente der Katholischen Kirche. Durch sie wird ein Mensch in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen" (http://www.dibk.at/index.php?id=8&language=1&portal=1&detail=71). Ähnlich die Erzdiözese Wien, wo es zum Thema Taufe heißt: „Jeder Mensch ist ein geliebtes Kind Gottes. Dem einzelnen Menschen mag dies langsam bewusst geworden sein, er vertraut darauf und glaubt daran. In der Feier der Taufe bekennt er nun seinen Glauben - bei Säuglingstaufen tun das stellvertretend die Eltern und Paten“ (https://www.erzdioezese-wien.at/taufe). Die gewählten Begriffe und Bilder („geliebtes Kind Gottes“, „bekennt nun seinen Glauben“) machen dabei deutlich, an wen sich dieser Text und die folgenden Service-Elemente auf der Website richten: An den bereits informierten und in kirchlichen Sprachspielen bewanderten User.

 

Sonderfall "meinefamilie.at"

 

Einen Sonderfall stellt indes das neue Portal www.meinefamilie.at der Erzdiözese Wien dar. Es tritt nach außen hin gänzlich „unkirchlich“ auf und orientiert sich ausschließlich an der Zielgruppe junger Familien und ihren Bedürfnissen. Angenommen wird dabei, dass die überwiegende Mehrheit eben dieser Zielgruppe eher zu den interessiert Fernstehenden als zu den kirchlich sozialisierten Usern gehört. Ziel ist ein niederschwelliger Zugang zu jenen Inhalten, die junge Familien interessieren – vom Kinderflohmarkt bis Ferienangeboten für Kinder, vom Leih-Oma-Service des Familienverbandes bis zum Eisprungrechner. Unter dem Keyword (Top-Begriff für Suchmaschinen) „Spirituelles“ finden sich Informationen zu den Sakramenten ebenso wie eine Übersicht zu speziellen „Kindergottesdiensten“ im Bereich der Erzdiözese Wien.

 

Aufschlussreich erscheint hier der gewählte Zugang – wiederum dargelegt am Beispiel des Sakraments der Taufe. So heißt es in dem entsprechenden Eintrag: „Wenn man im kirchlichen Bereich arbeitet, dann erhält man manchmal die erstaunlichsten Anrufe von Menschen, mit denen man mehr oder weniger bekannt ist. So auch der Anruf einer ehemaligen Studienkollegin, die mir empört berichtete, dass sie nicht Taufpatin sein dürfe… Was sich der Pfarrer da einbilde, sich in eine Familienfeier einzumischen. Auf meine zaghafte Frage, ob sie denn aus der Kirche ausgetreten sei, kam ein erzürntes: 'NATÜRLICH, seit Jahren.' Vielen ist heute nicht mehr ganz klar, was die Taufe eigentlich ist. (…) Um es vorweg klar zu stellen: So sehr die Taufe auch eine Familienfeier sein kann, (…) so ändert das alles nichts daran, dass sie an erster Stelle die Aufnahme in die Katholische Kirche ist“ (http://www.meinefamilie.at/was-ist-die-taufe/).

 

Blog-Eintrag vs. "klassischer" Artikel

 

Aufschlussreich ist dieser Zugang in zweifacher Hinsicht: Zum einen spricht hier kein Theologe, keine theologische Redaktion oder gar ein Priester, sondern vielmehr eine Redakteurin in direkter Rede, in „Ich-Form“. Die Form des „Blog-Eintrags“ erzeugt eine gänzlich andere Form der Aufmerksamkeit, sie evoziert Empathie und ein zustimmendes „Ja, das kenne ich...“ beim User der Zielgruppe Fernstehend-Interessierter. Zum zweiten folgt das Portal und der Zugang zum Thema Sakramente und Liturgie damit streng der „Netzlogik“, insofern Aufmerksamkeit nur dann entsteht bzw. generiert wird, wenn Inhalte nicht nur nüchtern-informativ sind, sondern den User „abholen“. Konsequent heißt es in diesem Sinne etwa zum Thema „Mit Kindern in die Kirche gehen“:

 

„Oft denken Eltern, sie könnten mit kleinen Kindern nicht in die Sonntagsmesse gehen, weil die Kleinen in der Kirche nicht ruhig sitzen oder weil sie 'doch nichts davon haben'. Je früher man aber damit beginnt, ihnen die Messe als 'sonntägliches Ritual' zu präsentieren, umso lieber wird es ihnen werden. Natürlich können Sie auch zunächst 10 Minuten mitfeiern oder am nächsten Sonntag 15 Minuten und den nächsten immer ein bisschen länger.“ (http://www.meinefamilie.at/mit-kindern-in-die-kirche)

 

Kontrastreich hingegen die Zugänge der Diözesen St. Pölten und Gurk-Klagenfurt, die zur Frage „Was ist Liturgie?“ ausführen: „Das Wort 'Liturgie' kommt aus dem Griechischen und bedeutet 'öffentliches Werk', 'Dienst des Volkes', 'Dienst für das Volk'. Die christliche Überlieferung versteht darunter, dass das Volk Gottes teilnimmt am 'Werk Gottes' (Epheser 3,4). Das Wort 'Gottesdienst' hat einen zweifachen Sinn. Es bedeutet zuerst: Gott dient uns Menschen. Und dann: Wir dienen Gott.“ (http://www.dsp.at/glaubeundleben/was-ist-liturgie) bzw. in Gurk-Klagenfurt:


„Die Heilige Messe ist der in der römisch-katholischen und von ihr abstammenden katholischen Kirchen gebräuchliche Name für den die Wortverkündigung und Eucharistiefeier umfassenden Haupt-Gottesdienst. Nach katholischem Verständnis ist die Eucharistiefeier nicht nur eine Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu Christi, sondern auch das vergegenwärtigende Gedächtnis seines Kreuzestodes (daher auch Messopfer genannt) und seiner Auferstehung, in die die Mitfeiernden aktiv mit einbezogen werden und durch die sie die eine Kirche sind.“ (http://www.kath-kirche-kaernten.at/themen/detail/C666/der_aufbau_der_heiligen_messe)

 

"Frag den Festprofi"

 

Am profundesten erscheinen im Übrigen sowohl in sakramententheologischer als auch in liturgischer Hinsicht die Ausführungen des Grazer Pastoralamtsleiters Karl Veitschegger. Auf einer eigenen Plattform der steirischen Kirchenzeitung „Sonntagsblatt“ informiert er unter dem Label „Frag den Festprofi“ über kirchliche Feste im Kirchenjahr (http://www.sonntagsblatt.tv/festprofi). Bei den Sakramenten wählt die Diözese Graz-Seckau ebenfalls Beiträge aus Veitscheggers breiter Publikationsliste (http://members.aon.at/veitschegger/artikel.htm).

 

Indes: Wenn es dort heißt „Sakramente sind wirksame Zeichen der Liebe und Nähe Gottes. Sie haben ihren Ursprung in Jesus Christus. Die katholische Kirche feiert sieben Sakramente“, so ist dies gewiss theologisch korrekt, es zeigt sich jedoch ein größer werdender Graben zu den Leser- und Nutzer-Gewohnheiten der wachsenden Masse an nicht mehr kirchlich sozialisierten Usern, aber auch zu interessiert Fernstehenden, die – obgleich interessiert – nicht mehr in den kirchlich-theologischen Sprachspielen beheimatet sind.

 

Gottesdienst im Live-Stream

 

Eine steirische Besonderheit stellt weiters das Angebot sogenannter „Internetgottesdienste“ der Pfarre Hartberg dar. Seit 2008 „streamt“ die Pfarre ihre Gottesdienste Woche für Woche live im Internet. Großen Wert legt man dabei auf eine pastoraltheologische Grundlegung des Angebots, heißt es doch auf der Website der Pfarre Hartberg: „Dieses Projekt Internetgottesdienste entspricht den Grundsätzen kirchlich pastoraler Handlungsfelder, wie dies in den Leitlinien der Diözese Graz-Seckau zum Ausdruck kommt: Zeitbezogene Vermittlung von Spiritualität, Wertschätzung des Sonntags und der Liturgie, Missionarische Pastoral, Glaubensverkündigung „Junger Erwachsener“ und der Kirche Fernstehende

 

Zielgruppen“ (http://hartberg.graz-seckau.at/internetgottesdienst). Die Erfolgsgeschichte der Fernsehgottesdienste möchte man auf diese Weise weiterschreiben und jene Menschen erreichen, „die nicht zur sonntäglichen Messfeier kommen können oder wollen“ - von Alten und Kranken bis hin zu im Ausland arbeitenden Menschen, die am Wochenende gerne über das Internet den Kontakt zur Heimat aufrecht erhalten.

 

Damit stellt sich nach dieser notwendigerweise im Allgemeinen und Unscharfen bleibenden Umschau die Frage nach künftigen Entwicklungen und Trends: Tatsächlich nämlich wird der Frage der Optimierung kirchlicher Web-Angebote gerade auch im Bereich liturgischer und sakramententheologischer Fragen große Aufmerksamkeit geschenkt – allerdings mit der Einschränkung, dass diese Themen in zwei Richtungen weiterentwickelt werden: In Richtung eines am User orientierten „lebensweltlichen“ Zugangs und in Richtung eines niederschwelligen Zugangs zu Service-Angeboten.

 

Das Web macht nicht vor Diözesan- und Pfarrgrenzen Halt

 

Dabei wird gerade die Entwicklung von österreichweiten Plattformen und einer österreichweiten Kommunikationsstrategie über Erfolg und Misserfolg in einer immer stärker internetaffinen und internet-gewöhnten Gesellschaft entscheiden. Denn selbst wenn Kirche stets Kirche vor Ort ist und dort in den Gemeinden lebt, so machen Suchanfragen und Interesse von Menschen doch nicht vor Pfarr- oder Diözesangrenzen Halt. Anders gesagt: Wenn eine Person in Vorarlberg nach Erläuterungen zum Thema Taufe sucht, die diözesanen Angebote jedoch nicht auf der ersten Seite der Ergebnisliste von Google aufscheinen, ist die Suchanfrage und ein etwaiger Erstkontakt zu einem interessiert Fernstehenden verloren.

 

Technisch gesprochen geht es um eine österreichweite kirchliche "SEO-Strategie" (Search Enginge Optimization). Gelungen ist dies in Ansätzen etwa bereits beim Thema Kirchenbeitrag, wo Suchanfragen auf die österreichweite Domain www.kirchenbeitrag.at führen, von der aus dann Anfragen auf die Diözesen gezielt weiter verteilt werden. Ähnliches soll künftig etwa in Form einer österreichweiten Gottesdienst-Suche umgesetzt werden. Zunehmend wichtiger wird in diesem Kontext auch die Form der Darbietung der gesuchten Informationen: so weisen alle Statistiken derzeit in Richtung immer intensiverer mobiler Internetnutzung. Entsprechend werden alle Websites für mobile Anwendungen - also die Nutzung via Smartphone oder Tablet-PC – optimiert. Dieser Trend soll weiters aufgegriffen werden in Form einer österreichweiten kostenlosen „Kirchen-App“, die radikal auf Service-Funktionen hin optimiert ist und der simplen Frage gehorcht: „Hier stehe ich; welche kirchlichen Angebote gibt es in meiner Umgebung?“

 

Ringen um eine relevante Sprache


Kirche und Theologie sollten diese Entwicklungen im Sinne eines neuen missionarischen Aufbruchs nicht unterschätzen – aber gewiss auch nicht blindlings jedem Trend nachlaufen. Gerade der Bereich etwa des „Streamings“ und des Wachsens von Online-Video-Plattformen könnte künftig die alte Diskussion wieder entfachen, ob ein medial vermittelter Gottesdienst einer aktiven Teilnahme an einem Gottesdienst gleichzusetzen ist. Verschärft werden könnte diese Diskussion, die im deutschen Sprachraum Mitte der 1950er Jahre zum Teil vehement geführt wurde, durch die neuen Möglichkeiten, Gottesdienste nicht nur live zu streamen, sondern „on demand“, also etwa über Youtube oder andere Videoplattformen zum zeitversetzten und wiederholten Ansehen anzubieten.

 

Solche Fragen sollte die Kirche gewiss mit dem notwendigen Ernst verfolgen und diskutieren – bei all dem aber stets nicht aus den Augen verlieren, für wen sie ihre Angebote online aufbereitet und welche Sprache sie im Web sprechen muss, um überhaupt noch gehört zu werden.

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flickr.com / Paval Hadzinski
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In seinem neuen Buch "Gott oder nichts" zeigt Kurienkardinal Robert Sarah deutlich Kante insbesondere gegen die deutsche Kirche: Einer "Rebellion gegen die Lehre Jesu und das Lehramt" werde er sich "entschlossen widersetzen". Sarah mutet dem durchschnittlichen europäischen katholischen Leser einiges zu - auch theologisch. Der hermeneutische Schlüssel, der vieles erklärt, aber zugleich wohl nichts entschuldigt, liegt in seiner eigenen Biografie.

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45 Cent für ein Taufgeschenk...

Foto: flickr.com / keso s
Foto: flickr.com / keso s

Mit 1,32 Euro ist man bei Fürbitten dabei. 1,16 Euro muss man für Taufpaten auf den Tisch legen - und für nur 45 Cent gibt's Taufgeschenke. Nein, hier geht's nicht um Schnäppchen aus dem Webportal "geizhals.at", hier geht's um die harte Währung der Aufmerksamkeit im Internet. Wer bei Suchanfragen zu den Begriffen "Fürbitten", "Taufpaten" oder "Taufgeschenke" mit seiner Website in der Ergebnisliste ganz oben mitmischen möchte, wer also "sichtbar" sein möchte im Internet, der muss zum Teil tief in die Tasche greifen und je nach aktueller Häufigkeit der Anfragen, also je nach Wert des Suchbegriffs, pro "Klick" an Google Beträge von bis zu 1,32 Euro überweisen.

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"Der Terror von Paris ist ein neues Phänomen"

Die Frage der Religion ist angesichts des Terrors in Paris und in Syrien "sekundär". Vielmehr könne der Terror als "faschistisches Syndrom" analysiert werden, der auf eine Destabilisierung der Gesellschaft ziele.

 

Diese Ansicht hat der Hannoveraner Theologe und Direktor des "Forschungsinstituts Philosophie" (fiph) Jürgen Manemann in einem Interview mir gegenüber vertreten, das am 15. Januar 2015 in der Wochenzeitun "Furche" erschienen ist.

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Warum schläfst du, Herr?

Acht Jahre lang war das Gefühl des brennenden Vermissens mein täglicher Begleiter. Es war dies die Zeit, nachdem ich Mitte der 1990er-Jahre meine heutige Frau kennengelernt hatte, sie aber weiterhin in Österreich lebte, arbeitete, studierte, ich hingegen im Norden Deutschlands. Acht Jahre intensiver Briefwechsel, vereinzelter Telefonate und noch viel seltenerer Besuche. Wenn ich das heute erzähle, wirkt das wie aus einer anderen Welt – damals so ganz ohne Handy, ohne SMS, ohne E-Mail, ohne ständige Erreichbarkeit...

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