Der Zen-Christ: David Steindl-Rast im Portrait

Wie sieht für Sie ein "good day" aus, ein guter Tag? Er verläuft vermutlich harmonisch, ruhig, ist in warme, üppige Farben und sanfte Klänge getaucht. Viel Lächeln gehört zweifellos dazu – und eine große Portion Dankbarkeit. Das sind die Träume, die Kitsch erzeugen können – oder Spiritualität. Von letzterem ist David Steindl-Rast, Benediktinermönch und einer der bekanntesten spirituellen Lehrer der Gegenwart, überzeugt...

 

Im aktuellen "Liborius-Magazin" (6/2012) habe ich den austro-amerikanischen "Star-Mönch" portraitiert - hier zum Nachlesen und Herunterladen...


Der Zen-Christ

 

Pater David Steindl-Rast ist Benediktinermönch und Zen-Meister. Damit ist der Austro-Amerikaner einer der bekanntesten spirituellen Lehrer der Gegenwart und ein Brückenbauer zwischen den Religionen

 

Erschienen im LiMa 6 / 2012

 

Wie sieht für Sie ein "good day" aus, ein guter Tag? Er verläuft vermutlich harmonisch, ruhig, ist in warme, üppige Farben und sanfte Klänge getaucht. Viel Lächeln gehört zweifellos dazu – und eine große Portion Dankbarkeit. Das sind die Träume, die Kitsch erzeugen können – oder Spiritualität.

 

Von letzterem ist David Steindl-Rast, Benediktinermönch und einer der bekanntesten spirituellen Lehrer der Gegenwart, überzeugt. Entsprechend erfreut sich sein Youtube-Video „A good day“ größter Beliebtheit in der Online-Community. „Lasst die Dankbarkeit überfließen in einen Segen, der euch umgibt“, rät seine warme, von lebenssattem Bass gefärbte Stimme.

 

Billige Wohlfühlrhetorik? Niederschwellige Fastfood-Esoterik? Der Verdacht liegt nah. Und doch würde es dem tiefen Denker und Gottesmann alles andere als gerecht werden. „Brother David“ ist ein gefragter Redner, Lehrer, gern gesehener Gast in katholischen Bildungshäusern ebenso wie in buddhistischen Meditationszentren. Mystik ist seine Mission – allerdings keine abgehobene, ihrer Erdung entledigte Mystik, sondern vielmehr eine Mystik des Alltags, des unbedingten Lebens im Jetzt in seiner ganzen Tiefe. Er gilt daher auch als interreligiöser Brückenbauer, tief überzeugt davon, dass Gottes Geist in und aus jedem spricht.

 

Kein Wunder also, dass einer seiner jüngsten Bucherfolge „Credo. Ein Glaube, der alle verbindet“ heißt – und ein Vorwort des Dalai Lama enthält. Doch auch hier wird die Gratwanderung des 85-Jährigen sichtbar, unternimmt Steindl-Rast doch nichts Geringeres als den Versuch, das Herzstück des christlichen Glaubens – das Glaubensbekenntnis – auf seine weltumspannende, all- und damit auch andere Religionen umfassende Kraft abzuklopfen. Das „Ich glaube“ des Glaubensbekenntnisses – für Steindl-Rast ist es nicht Ausdruck eines exklusiven Wahrheitsanspruchs, sondern Ausdruck eines „Ur-Glaubens“. Auch hier wieder: Frevel für die einen, ein Tür-öffnendes Aha-Erlebnis für die anderen.

 

Auch seine Biografie atmet den Duft der Freiheit eines spirituellen Globetrotters. Am 12. Juli 1926 wurde er als Franz Kuno Steindl-Rast in Wien geboren, wo er Kunst-, Psychologie und Anthropologie studierte. 1944 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Ein „großer Schutzengel“, wie er sagt, bewahrte ihn jedoch vor tatsächlichen Kampfeinsätzen.

 

Nach dem Krieg wanderte seine Familie 1952 aus wirtschaftlichen Gründen in die USA aus. Schon im Jahr darauf trat er in das damals neu gegründete Benediktinerkloster Mount Saviour im US-Bundesstaat New York ein, wo er schon bald seine ungewöhnlichen Zugänge und spirituellen Wege zu nichtchristlichen Religionen suchte, freilich ohne die Wurzeln zur eigenen religiösen Heimat zu kappen.

 

Ein interreligiöser Brückenbauer ist Steindl-Rast spätestens seit 1965, als er – im ökumenisch-interreligiösen Aufbruchsgeist des Zweiten Vatikanischen Konzils – von seinem damaligen Abt beauftragt wurde, sich dem Dialog zwischen Christentum und Buddhismus zu widmen, und er Erfahrungen mit verschiedensten Zen-Meistern sammelte.

 

Im Jahr 1968 gründete er gemeinsam mit Rabbinern, Buddhisten, Hindus und Sufis, einer islamistischen Strömung, in den USA das „Center for Spiritual Studies“. 1989 initiierte er zusammen mit dem Zen-Mönch Vanja Palmers im österreichischen Dienten das „Haus der Stille“, das jedem Interessierten Zugänge zum kontemplativen Leben einer Klostergemeinschaft ebnen soll.

 

Phasen der Kontemplation und des forcierten öffentlichen Lebens wechseln sich bei Steindl-Rast gleichmäßig ab. Die Hälfte des Jahres verbringt er als begehrter Vortragsreisender, er hält Lesungen aus seinen Büchern und leitet Seminare. In der anderen Jahreshälfte zieht er sich zurück – meist in Klöster und Eremitagen –, um dort zu beten, zu meditieren und Psalmen zu singen. Aber auch die benediktinische Tradition elementarer körperlicher Arbeit im Garten pflegt er. „Das Entscheidende ist, und das fällt leichter in der Einsiedelei, nicht abgelenkt zu werden.“

 

Das Leben im Jetzt – es vollzieht sich für ihn in der harten körperlichen Arbeit ebenso wie im Ertasten einer göttlichen Tiefe unter dieser oft so banalen Oberfläche des Alltags. „Gratefulness“, Dankbarkeit, ist für Steindl-Rast daher die wichtigste menschliche Haltung den Dingen gegenüber. „Auch im Unglück kann man dankbar sein“ – für die Gelegenheit, Geduld zu lernen, Verständnis für andere zu haben, zu wachsen.

 

Und wo bleibt da das genuin Christliche, wo bleibt das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus? Hier ist Steindl-Rast – anders als die inflationäre Masse an spirituellen Lehrern – nicht beliebig oder gar synkretistisch, sondern theologisch versiert: Glauben an Christus, das bedeutet, an eine „gottmenschliche Wirklichkeit zu glauben“ –, und dieser Wirklichkeit gehören alle Menschen gleichermaßen an. Die historische Person Jesu ist dabei Ankerpunkt dieses Glaubens, er stellt das „Rollenmodell“ für diese besondere, neue Form der Wirklichkeit dar, ist Steindl-Rast überzeugt. Und er sieht sich dabei nicht in einer theologischen Außenseiterrolle, sondern tief verwoben in die christliche Tradition.

 

Dennoch lassen sich nicht alle kritischen theologischen Einwände so einfach tilgen. Es bleiben Angriffspunkte. So weist Steindl-Rast etwa dort eine offene theologische Flanke auf, wo er das Jetzt so sehr betont, dass die biblische Erlösungshoffnung, die Hoffnung auf das Reich Gottes als das ganz Andere unterbelichtet bleibt. Nicht umsonst zählt er die Stelle aus dem Lukas-Evangelium – „Das Reich Gottes ist jetzt schon unter euch“ – zu seinen Lieblingszitaten. Das Drängen der Offenbarung – „Maranatha! Komm, Herr Jesus!“ – indes fehlt bei ihm.

 

Solche Einwände fechten Steindl-Rast jedoch wenig an. Denn natürlich weiß auch er um das Ende aller Dinge, weiß um den auch für ihn persönlich nahenden Tag des Abschieds, den Schmerz des Bewahren-Wollens, das Ringen um Trost. Er ist ein reifer, alter Mann geworden. Eine Tatsache, die er zuletzt in dem berührenden kleinen Büchlein „Und ich mag mich nicht bewahren“ mit kurzen Meditationen zu Gedichten von Rainer Maria Rilke und Joseph Eichendorff bedachte.

 

„A good day“, ein guter Tag endet für Steindl-Rast weder im kitschigen Abendrot noch im hoffnungslosen Schwarz der Nacht: „Ich glaube an Nächte“, zitiert er Rilke. Zur Nacht gehörten Dunkelheit und Stille und „sehr tiefer Trost“ – denn in ihr begegnet der Mensch „dem großen Du“, jenem, das Christen „Gott“ nennen. Und immer wieder Eichendorff: „Was uns tröstet, das ist die Dankbarkeit.“

 

Angesprochen auf das Ende aller Dinge, auch auf sein eigenes, benutzt Steindl-Rast gerne das bekannte Bild einer tickenden Uhr. Diese mache allerdings für ihn nicht Tick-Tack, sondern „Jetzt-Jetzt-Jetzt-Jetzt“.

 

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"Der Zen-Christ"
Ein Portrait des Benediktinermönchs und Zen-Meisters P. David Steindl-Rast.
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Kommentare: 1
  • #1

    Helga Zemljic (Sonntag, 07 April 2013 21:29)

    DANKE für diesen gut zusammen gefaßten, informativen Beitrag!