Eine unangepasste Sprache

Foto: flickr.com / fotosiggi
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Englisch gilt heute als lingua franca, als Universalsprache. Wer des Englischen nicht mächtig ist, behilft sich allenfalls mit elektronischen Übersetzungsprogrammen aus dem Internet und wird so „kommunikabel“. Aber wird man deswegen wirklich verstanden? Anders gefragt: Gibt es nicht auch eine lingua franca jenseits aller Sprachen und Dialekte? Eine Sprache, in der Sinngehalte jenseits von Buchstaben und Grammatik übermittelt werden?

 

Sie ahnen, worauf ich hinauswill: die Sprache des Gebets. Sie kann als die universalste Sprache der Menschheit betrachtet werden. Keine Religion, die es nicht kennt, das Gebet. Ob glühender Lobpreis oder verzagte Klage, ob stummer Augenniederschlag oder lauter Schrei – das Gebet weiß das ganze Panorama menschlicher Erfahrungen zu erfassen. Aber was hilft, was nützt beten? Dieser Frage geht miteinander aus verschiedenen Perspektiven nach. Ist es statthaft, so zu fragen? Oder verkürzen wir das Gebet damit unzulässig auf eine bloße Beschwörungsformel?

 

Ist vielleicht die heutige Gotteskrise (J. B. Metz) in ihrem Kern eine Krise der Gebetssprache, eine Krise der Sprachlosigkeit? Vielen Menschen fällt es schwer, zu glauben – auch weil sie jener Sprache nicht mehr mächtig sind, in der sie ihre Sehnsüchte, Wünsche, ihre Demut und ihren Jubel, ihren stummen Schrei artikulieren können. Neuevangelisierung wird daher nicht zuletzt bedeuten, diese Sprache neu zu erschließen. Etwa durch einen erneuten Blick auf die alten Gebetstraditionen, wie sie in den Ordensgemeinschaften bis heute gepflegt werden.

 

Vielleicht aber lohnt auch der Blick über den eigenen Tellerrand hin zu den verzweifelten und postmodernen Gott-Suchern, ohne jede Tradition im Rücken. So formulierte der Schriftsteller Martin Walser, der sich selbst als Agnostiker bezeichnet, unlängst in einem aufsehenerregenden Text das denkbar kürzeste Gebet: „Gott fehlt. Wem? Mir.“

 

Vielleicht ist es an der Zeit, die Gebetssprache zu erweitern, sie so auf ihren Kern hin zu orientieren: die Bitte um Gott selbst. Dies würde letztlich auch dem Engagement für geistliche Berufungen zugutekommen. Denn wie soll der Mensch den Ruf Gottes hören, wenn er sich selbst der Sprache Gottes entwöhnt?

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