Die Hoffnung zulassen

flickr.com / mkorsakov
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Für meine Tochter ist Ostern so einfach und wunderbar wie Weihnachten. Natürlich in erster Linie wegen des Eiersuchens und der Süßigkeiten. Aber nicht nur. Seit einiger Zeit will sie es nämlich genau wissen. Sie ist vier Jahre alt, und religiöse Dinge stehen gerade hoch im Kurs. Als Frage, aber genauso als selbstverständlicher Hintergrund des Alltags. Heiligenlegenden faszinieren sie. Nicht selten heißt es auf dem knapp fünfminütigen Weg zum Kindergarten: "Papa, erzähl mir die Geschichte von der Kreuzigung bis zur Auferstehung."

In Kinderaugen ist der Himmel noch reich bevölkert, lugt hinter jedem Baum eine Elfe, hinter jedem Stern der liebe Gott hervor. Die große Synthese, die vielen Erwachsenen mit der Zeit ausgetrieben wird, sie gelingt Kindern noch ohne Mühe. Und auf die bange Kantsche Frage "Was darf ich hoffen?" lachen Kinder einem entgegen: "Alles!" Es ist nicht überliefert, dass Immanuel Kant Kinder hatte. Vielleicht wäre ansonsten auch seine Philosophie eine andere gewesen - und Gott wäre nicht zum bloßen "Postulat" degradiert worden, sondern alles durchwirkende Wirklichkeit geblieben.

 

"Was darf ich hoffen?" Können wir diese Frage ohne Zögern beantworten? Wissen wir nur, was wir uns an Glaubensformeln mühsam antrainiert haben, oder leben wir diese Hoffnung? Das mindeste, was wir - das österlich leere Grab vor Augen - hoffen dürfen, ist, dass diese Welt nicht alles ist. "Denn nur wenn das, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles", hat der Philosoph Theodor W. Adorno treffend formuliert. Hoffnung und Handeln hängen zusammen. Hoffnung weckt den "Möglichkeitssinn" (R. Musil). Ostern ist somit die Antwort auf die Kantsche Frage: Ostern ist Hoffnung im Modus ihrer Erfüllung.

 

Meine zweite Tochter ist zwei Jahre alt. Neulich ließ sie abends die Beine vom Bett baumeln, am Schienbein gekreuzt, und sagte: "Schau mal, Papa, wie Jesus am Kreuz." Und sie lachte, nahm ihr Kuscheltier und schlief ein - unter ihrem bestirnten Himmel.

 

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