Assmann-Debatte "reloaded"

Foto: Rama / wikipedia.org
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Dem Monotheismus wohnt ein Gewaltpotenzial inne, da er die eigene Überzeugung total setzt und den Glauben des anderen nicht als gleichrangig anerkennt: Diese These des Ägyptologen Jan Assmann versetzt seit rund zehn Jahren die Theologie in Aufruhr. Sollte tatsächlich Gewalt der Preis des Monotheismus sein? Zahlreiche Wortmeldungen aus der Theologie haben seither versucht, die These zu widerlegen oder zur relativieren. Auf der anderen Seite irritierte der von Assmann angeschlagene normative Ton: Plädierte der Heidelberger Wissenschaftler tatsächlich für eine Rückkehr in den polytheistischen, von unzähligen Göttern bewohnten Kosmos? - Bei einer Podiumsdiskussion in Wien hat Assmann nun neue Töne angeschlagen und sogar eine Art Kehrtwende vollzogen.

Nachdem es um die These in den vergangenen Jahren etwas ruhiger geworden war, hat nun ein Podiumsgespräch in Wien erneut Bewegung in die Debatte gebracht. Assmann referierte und diskutierte als Gast der "Theologischen Kurse" zum Thema "Monotheismus - Politik - Gewalt" mit dem Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück und dem Wiener Orientalisten Rüdiger Lohlker. Das Gespräch gipfelte schließlich in einem überraschenden Eingeständnis Assmanns: "Wenn es dem Weiterkommen der Debatte dient, dann nehme ich den Begriff der Relativierung zurück und spreche statt dessen von einem Perspektivenwechsel."

 

Was sich sperrig liest, ist tatsächlich eine wichtige Kehrtwende in der bisherigen Debatte: So wurde Assmann bisher stets angelastet, er betreibe eine Relativierung des Wahrheitsbegriffs der Religion und fordere eine Selbstrelativierung der monotheistischen Religionen, um ihr immanentes Gewaltpotenzial einzuhegen. "Eine humanisierende Lektüre der Heiligen Texte aller Religionen" sei geboten, sagte Assmann dazu in Wien, denn "in fundamentalistischer Gewalt sehe ich das abstoßende Gesicht der Religion". Wie dies vollzogen werden könne - mehr noch: wie dies zu verstehen sei, ohne vom jeweils eigenen Wahrheitsanspruch abzurücken, entlockte Jan-Heiner Tück dem Ägyptologen, der sich nach einer erneuten Kritik seiner ursprünglichen These unter Rechtfertigungszwang sah.

 

Compassion und die Augen der anderen

 

Tück bot Assmann eine Brücke aus der biblischen Tradition, die der Ägyptologe gerne nutzte: So sei der biblische Gott gerade kein "apathischer Gott" eines bunten Kosmos, dem in der Vielheit der Überzeugungen das Schicksal des Einzelnen egal sei. Im Gegenteil: Der biblische Gott lasse sich zutiefst vom Schicksal des Einzelnen betreffen, mehr noch: "Das Hören auf die Autorität der Armen und Unterdrückten weist selbst in eine vertiefte Begegnung mit Jesus Christus". Diese "Compassio Gottes" kenne keine menschliche Gleichgültigkeit oder gar Gewalt dem anderen gegenüber, sondern sie führe in eine Weltwahrnehmung mit den Augen der anderen ein. Das wiederum bedeute keine Relativierung des Eigenen, sondern eine humanisierende Erweiterung des eigenen Glaubens.

 

In dieser Darlegung sah sich Assmann schließlich bestätigt: "Sich selbst mit den Augen der anderen sehen ist das Gebot der Stunde, um Religion zu humanisieren". Auf dieser Basis könne er seine missverständliche Kritik am Monotheismus abändern bzw. zurückziehen, so der Ägyptologe. Er habe in all seinem Forschen und Schreiben nie einem Kosmotheismus das Wort reden wollen, sondern stets nach "Argumenten für die Gewaltlosigkeit" gesucht, so der bekennende evangelische Christ Assmann. "Denn das sehe ich als die große Chance der Religion: durch Gewaltverzicht Macht ausüben."

 

Tück entwickelte den Gedanken seinerseits dahingehend weiter, dass er die Wurzel dieses Paradigmenwechsels im Zweiten Vatikanischen Konzil erkannte: Denn genau diesen Perspektivenwechsel hätte die Katholische Kirche dort vollzogen: Galten etwa Nicht-Katholiken zuvor als Schismatiker oder Häretiker, Nicht-Christen als Heiden, so würden die Zeugnisse selbst agnostisch gestimmter Menschen mittlerweile als Bereicherung des eigenen Selbstverständnisses verstanden. Dazu verwies Tück etwa auf die von Johannes Paul II. initiierten Friedenstreffen in Assisi, zu denen Benedikt XVI. im vergangenen Jahr erstmals auch Agnostiker geladen hatte. Diesen dialogischen Weg - da waren sich Assmann und Tück einig - gelte es weiterzugehen, "auch wenn noch offen ist, wohin er letztlich führen wird".

 

Carl Schmitt und die "totale Religion"

 

In einem vorausgegangenen Referat hatte Assmann die Ursprünge monotheistischer Gewalt vor dem Hintergrund der Unterscheidung von Freund und Feind bei Carl Schmitt reflektiert. Denn gerade diese auch von Schmitt festgestellte "polarisierende Kraft der Religion" - ihre Unterteilung der Menschen in Gläubige, Ungläubige - produziere Gewalt; auch wenn diese Gewalt - so Assmann im Anschluss an Schmitt - im alltäglichen Leben meist verborgen bleibt, sondern nur "im Ausnahmezustand, im Ernstfall" ans Tageslicht tritt.

 

Bei seiner Schmitt-Relecture ließ Assmann indes keinen Zweifel daran, dass er sich mit der generellen Stoßrichtung des Staatsrechtlers und "Kronjuristen" des Dritten Reiches keinesfalls identifiziere. So hatte Schmitt bekanntlich den Krieg als jenen Ort identifiziert, in dem sich das Eigentliche - die Unterscheidung von Freund und Feind - zeige und vor dessen Hintergrund Schmitt für den "totalen Staat" plädierte. Inzwischen habe man schließlich "den Schrecken des Totalen kennengelernt". Schmitt interessiere ihn daher "in umgekehrter Perspektive: Was er anstrebt ist das, was wir verabscheuen und unbedingt vermeiden müssen", so Assmann.

 

Dennoch könne man aus Carl Schmitts Analyse auch für die Religion Lehren ziehen. Denn auch in ihr gebe es eine Art "Ernstfall", in dem Freund-Feind-Beziehungen sichtbar werden, denen nackte Gewalt folgen können. Als ein solcher "religiöser Ernstfall" können laut Assmann etwa die biblischen Schilderungen des Ausbruchs des Gotteszornes gesehen werden, die sich in gewaltvollen Szenen widerspiegeln. Verfolge man die Spur des Gotteszornes auf seinen Ursprung zurück, so stoße man auf den Dekalog, wo es im dritten Gebot heißt:

 

"Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld."

 

Die Freund-Feind-Unterscheidung werde in diesem Text besonders manifest - zugleich gehe mit dieser Eifersucht Gottes die Forderung nach unbedingter Gefolgschaft einher, wie sie im Bündnis zwischen dem Volk Israel und Gott besiegelt wurde. Der ideengeschichtliche Boden dieser Vorstellung sei wiederum ein sehr politischer: Dieses Verhältnis von Bund, Bündnistreue und Gewalt wurzle letztlich in der assyrischen Herrscherideologie, die eine absolute Treue dem König gegenüber forderte.

 

Theologisierung einer politischen Idee

 

Das - unterdrückte - Volk Israel habe diese Idee schließlich unter umgekehrten Vorzeichen ins Deuteronomium übernommen: "Aus dem Eroberer, der das Volk in die Vasallität zwingt, ist ein Befreier geworden, der dem befreiten Volk einen Vertrag anbietet. Aus Loyalität wurde Treue, aus Politik Religion", so Assmann. Kurz gesagt: Die Vorstellung des Gotteszorns als religiöser Ernstfall und die Idee des Gottesbundes wurden aus der politischen - säkularen - Sphäre übernommen. "Wir erleben hier die Theologisierung einer politischen Idee", so Assmann.

 

Gesteigert wurde dieser "religiöse Ernstfall" als Ur-Sprung aller religiös motivierten Gewalt laut Assmann nur noch in der Apokalyptik und in deren Idee des Weltgerichts. Dies sei "die radikalste Form eines religiösen Ernstfalls". Dieser fordere eine ebenso radikale Gefolgschaft des Menschen, da er vor die Entscheidung gestellt werde: für oder gegen Gott. "Wer weiß, was die Stunde geschlagen hat, ist aufgerufen, sich zu entscheiden." In der Folge werde Religion - so Assmann in Anlehnung an Carl Schmitt - zur "totalen Religion". Dies sei ein "Aggregatzustand", den jede Religion annehmen könne, in der es zu dieser radikalen Zuspitzung komme. Das Judentum habe solche Phasen gekannt, auch das Christentum - etwa im Mittelalter. Heute sehe er den Islam in seiner islamistischen Zuspitzung in der Gefahr, Momente einer "totalen Religion" auszubilden.

 

Eine hoffnungslose Situation? Nicht für Jan Assmann. So verweist er etwa auf die Religion humanisierende Versuche seit der Aufklärung. Er selbst könne dem Begriff der "Menschheit" als kritisches Korrektiv in diesem Kontext viel abgewinnen - auch bewusst gegen Schmitt gewendet, der formulierte, "Wer 'Menschheit' sagt, will betrügen". Der Begriff berge das Potenzial, den Freund-Feind-Dualismus zu überwinden und Religion zu zivilisieren.

 

Dabei plädierte Assmann für ein streng-säkulares Vorgehen, denn: "Religion wird es immer nur im Plural geben - auf einen einzigen Gott werden sich die Menschen nie einigen können. Das säkulare Prinzip einer humanen Zivilisiertheit und das religiöse Prinzip der Anerkennung eines höchsten Wesens sollten keine Gegensätze sein. In dem Maße, wie die Religionen dieses Ziel für sich reklamieren und etwa Gerechtigkeit als eigenes Ziel erkennen, wirken sie nicht mehr polarisierend, sondern humanisierend."

 

Erschienen im "Kathpress"-Infodienst vom 18. Mai 2012

 

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