Blog & Aktuelle Projekte


Was ist heute konservativ?

Politische Parteien und ihre feuilletonistischen Wiedergänger zeichnet derzeit eine erschütternde intellektuelle Ödnis aus. Am deutlichsten tritt diese Dürre in den Reihen des neuen, alten Konservativismus zutage.

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Zu Sprache geronnene Metaphysik

Die Postmoderne hat alles zerschlagen: Ob Kosmos, Geschichte oder Gesellschaft – alles existiert nurmehr im Fragment. Dagegen bäumt sich nun der große kanadische Philosoph Charles Taylor in seinem neuen Buch "Das sprachbegabte Tier" auf.

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Was ich nicht vergessen kann...

Foto: Henning Klingen
Holzkreuz auf einem Friedhof im Wienerwald
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Das Schweigen durchbrechen

Familiengeschichten sind der Pulsschlag jeder Erinnerungskultur. Doch was wissen Kinder und Enkel tatsächlich von ihren Eltern und Großeltern? Bericht vom Experiment einer familiären „oral history“

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Wir Angepassten!

In Bonn findet derzeit der Katholische Medienkongress statt. Die deutsche katholische Publizistik zeigt ihre ganze Kraft und Vielfalt. Und doch bleibt nach dem ersten Tag ein fader Beigeschmack. Eine Nestbeschmutzung.

 

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Heilende Unruhe

pixabay.com / CC0 Public Domain
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Sprung ins Dasein - Eine Pilgerreportage

Das Pilgern ist vermutlich die Reiseerfahrung, die am meisten herausfordert. Die rhythmische Langsamkeit des Gehens, das sprachlose Hören auf die Leere um einen herum – das Leben wird dadurch ruhiger, aber auch intensiver und geschmackvoller.

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„Christliche Familie“? Vergiss es!

Unsere älteste Tochter ging in diesem Jahr zur Erstkommunion. Als Theologe und Kirchenmitarbeiter war es für mich daher Ehrensache, eine Tischgruppe zu übernehmen. Ein lehrreicher Einblick in den Niedergang gelebter familiärer Religiosität.

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Der Schattenmann: Zum Tod von Karl-Otto Apel

Am 15. Mai starb der Kommunikationsphilosoph Karl-Otto Apel, der seine Transzendentalpragmatik u.a. der Feuerprobe durch die Befreiungstheologie aussetzte

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Der Konter-Revolutionär - Robert Spaemann zum 90. Geburtstag

Der Philosoph und bekennende Katholik Robert Spaemann feiert am 5. Mai seinen 90. Geburtstag. Ein Portrait. UPDATE: Jetzt auch erschienen auf katholisch.de

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Was fehlt, wenn Gott fehlt?

Am 24. März feierte der deutsche Schriftsteller Martin Walser seinen 90. Geburtstag. Zuletzt hat er immer wieder auch mit religiösen Äußerungen für Aufsehen gesorgt.

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Eine unglaubliche Geschichte

"Im Anfang war das Wort…" Damit beginnt im Johannesevangelium die wohl unglaublichste Geschichte der Welt, die zugleich eine himmlische Geschichte ist.

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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Concilium" hat der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz in neun Thesen eine Art theologisches Vermächtnis formuliert. Im Fokus dabei: Das biblische Zeitverständnis und das Gott-Denken im Horizont befristeter Zeit


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Wie Habermas, nur anders...

Charles Taylor zählt zu den großen Denkern der Gegenwart. Gegen die demokratische Melancholie der Gegenwart setzt er auf Multikulturalismus, basisdemokratischen Aufschwung und religiöse Suchbewegungen als Quellen der Hoffnung. Am 5. November feierte er seinen 85. Geburtstag.

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"Nie werde ich das vergessen. Nie"

Der am 2. Juli verstorbene Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel hat wie kaum ein anderer Autor zur geschichtssensiblen Kehrtwende in der Theologie der 1980er und 90er Jahre beigetragen: Weg von einer geschichtsunsensiblen Theologie, hin zu einer Wiederentdeckung der Geschichtsmächtigkeit des Monotheismus - mit all seinen dunklen Untiefen und Fallstricken. Kurz: Die Theologie schuldet Elie Wiesel Dank.

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Vom alten Schlag

Foto: flickr.com / Paval Hadzinski / CC BY-NC-ND 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0)
Foto: flickr.com / Paval Hadzinski / CC BY-NC-ND 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0)

In seinem neuen Buch "Gott oder nichts" zeigt Kurienkardinal Robert Sarah deutlich Kante insbesondere gegen die deutsche Kirche: Einer "Rebellion gegen die Lehre Jesu und das Lehramt" werde er sich "entschlossen widersetzen". Sarah mutet dem durchschnittlichen europäischen katholischen Leser einiges zu - auch theologisch. Der hermeneutische Schlüssel, der vieles erklärt, aber zugleich wohl nichts entschuldigt, liegt in seiner eigenen Biografie.

 

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45 Cent für ein Taufgeschenk...

Foto:  pixabay.com / CC0 Public Domain
Foto: pixabay.com / CC0 Public Domain

Mit 1,32 Euro ist man bei Fürbitten dabei. 1,16 Euro muss man für Taufpaten auf den Tisch legen - und für nur 45 Cent gibt's Taufgeschenke. Nein, hier geht's nicht um Schnäppchen aus dem Webportal "geizhals.at", hier geht's um die harte Währung der Aufmerksamkeit im Internet. Wer bei Suchanfragen zu den Begriffen "Fürbitten", "Taufpaten" oder "Taufgeschenke" mit seiner Website in der Ergebnisliste ganz oben mitmischen möchte, wer also "sichtbar" sein möchte im Internet, der muss zum Teil tief in die Tasche greifen und je nach aktueller Häufigkeit der Anfragen, also je nach Wert des Suchbegriffs, pro "Klick" an Google Beträge von bis zu 1,32 Euro überweisen.

 

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"Der Terror von Paris ist ein neues Phänomen"

Foto: Forschungsinstitut für Philosophie Hannover (fiph)
Foto: Forschungsinstitut für Philosophie Hannover (fiph)

Die Frage der Religion ist angesichts des Terrors in Paris und in Syrien "sekundär". Vielmehr könne der Terror als "faschistisches Syndrom" analysiert werden, der auf eine Destabilisierung der Gesellschaft ziele. Diese Ansicht hat der Hannoveraner Theologe und Direktor des "Forschungsinstituts Philosophie" (fiph) Jürgen Manemann in einem Interview mir gegenüber vertreten, das am 15. Januar 2015 in der Wochenzeitung "Furche" erschienen ist.

 

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Warum schläfst du, Herr?

Acht Jahre lang war das Gefühl des brennenden Vermissens mein täglicher Begleiter. Es war dies die Zeit, nachdem ich Mitte der 1990er-Jahre meine heutige Frau kennengelernt hatte, sie aber weiterhin in Österreich lebte, arbeitete, studierte, ich hingegen im Norden Deutschlands. Acht Jahre intensiver Briefwechsel, vereinzelter Telefonate und noch viel seltenerer Besuche. Wenn ich das heute erzähle, wirkt das wie aus einer anderen Welt – damals so ganz ohne Handy, ohne SMS, ohne E-Mail, ohne ständige Erreichbarkeit...

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Was Herz und Hirn verklebt

Ich habe einen Neujahrsvorsatz gefasst. Nein, es geht nicht um's Essen, auch nicht um's (weniger) Trinken, sondern um Seelenhygiene: Ich habe mir vorgenommen, jene Dinge weg zu lassen, nicht mehr zu lesen, nicht mehr wahrzunehmen, schlichtweg zu ignorieren, die Herz und Hirn verkleben. Als Medienmensch nicht ganz einfach. Ständig wird man umspült, manchmal geradezu überspült von Unnötigem, von Ärgerlichem, oft von einfach nur Dummem, wozu ich u.a. den Großteil der üblichen PR-Texte zähle, mit denen man auch als kirchlich verpflichteter und religiös imprägnierter Journalist tagtäglich zu tun hat.

 

Dazu zählen aber ebenso einige "professionelle" Medien wie "Kronenzeitung", "Heute" und "Österreich". Weihnachten erdet. Nicht nur spirituell, auch medial. Man atmet auf, wenn man sich mal eine Pause von der medialen Verdummungsmaschine gönnt, die für gewöhnlich die gereizt stampfende Begleitmusik zum Tage bildet.

 

Ah, alles klar, Medienbashing, Kulturkritik, ein alter Hut, mögen Sie nun vielleicht denken. Nein, nicht ganz, denn so verlockend eine Totalkritik a'la Adornos Kulturindustrie-These wäre, so sehr liebe ich diesen Medienzirkus ja auch. Medien erzeugen die kostbare Illusion eines Common sense in einer an sich hoffnungslos zersplitterten Öffentlichkeit; Medien generieren überhaupt erst jene Öffentlichkeit, von der wir behaupten, sie trage als kritische Instanz die Demokratie, sie sei das Unterfutter der Deliberation, der Kunst des Unmöglichen - der Politik.

 

Die Krise des Politischen, wie sie u.a. in der von Korruption, Freunderlwirtschaft und Postenschacherei zerfressenen österreichischen Polit-Landschaft zu Tage tritt, ist in ihrem Ursprung eine Krise der politischen Öffentlichkeit und damit eine Krise der Medien. Und damit meine ich nicht die Frage, ob der ORF "rot" und die Zeitung "Presse" "schwarz" sind - nein, es geht um einen existenziellen Mangel an gutem Journalismus und an Foren, in denen sich dieser an politischen Themen abarbeiten kann. Ernst zu nehmende, essaybegabte Autoren kann man an einer Hand abzählen, andere hätten die Kompetenz, sie flüchten sich jedoch lieber in die innere Emigration oder in den Zynismus. Ach ja, und es geht um einen ebenso existenziellen Mangel an gewogener Aufmerksamkeit, an Publikum für die wenigen Foren, in denen kritische Öffentlichkeit überlebt...

 

Grob geschnitzt? Mag sein, aber jeder gelernte Österreicher möge bitte zumindest hin und wieder einmal Debatten in großen deutschen Medien verfolgen, um zu erkennen, was wirkliche Debattenkultur sein kann - und umgekehrt sei meinen deutschen Landsleuten empfohlen, hin und wieder österreichische Medien zu konsumieren, um den kostbaren Schatz wieder schätzen zu lernen, den man mit u.a. einem hochgerüsteten föderalen (öffentlich-rechtlichen) Mediensystem in Deutschland in Händen hält!

 

In meinem eigenen, kleinen medialen Schrebergarten der kirchlichen oder religionsaffinen Publizistik sieht es nicht minder dramatisch aus. Kirchliche Pressestellen sehen es als erstrebenswertes Ziel an, in der "Krone" Geschichten zu platzieren, Kirchenzeitungen hungern sich journalistisch mit einem selbstverordneten 1.500-Zeichen-Niveau zu Tode. Im Übrigen nehme ich meine eigene Diensttätte, die KATHPRESS, von dieser Kritik nicht aus. Vieles, was wir produzieren, dient nicht der Idee, eine kirchliche "unterbrechende Gegenöffentlichkeit" (K. Gabriel) zu initiieren, es dient weder einer "Repolitisierung des Privaten" noch einer "Renormativierung der Öffentlichkeit", wie sie der Theologe Jürgen Manemann gefordert hat, nein - es dient dem allgemeinen medialen Hintergrundrauschen. Nicht alles, aber vieles. 

 

Es ist zugegebenermaßen schwer, sich von diesen Dingen frei zu machen und also an jenem Ast zu sägen, auf dem man selber sitzt. Aber wie gesagt: Ich möchte diesen Ast nicht zersägen, sondern ihn nur säubern von jenem Totholz und Wildwuchs, der mir die Sicht versperrt. Am wildesten wuchern an diesem Ast wohl die verschiedenen Webangebote, mit denen ich tagtäglich konfrontiert bin, die über Google-Allerts oder Twitter-Tools auf meinen Monitor gespült werden. Ob sie nun katholisches.info, kath.net oder sonstwie heißen - ihnen allen ist zu eigen, dass sie unnötig Aufmerksamkeit binden und Relevanz vorgaukeln, wo meist nur heiße Luft oder ein aggressives Verleumdungs- und Denuntiationswesen dahinter stecken.

 

Viel dieser heißen Luft ist entwichen unter dem Pontifikat von Papst Franziskus. Im professionellen Medienzirkus spielen diese Portale nur mehr eine Rolle, wenn es um Skandalisierung und Kampagnisierung geht. Als Informationsquelle sind sie irrelevant, innerkirchlich bieten sie eine Nabelschau der hierarchisierten Eitelkeit und ein Skurrilitätenkabinett an Kommentaren und Meinungen.

 

Es ist ein gutes Gefühl, sich zum Jahresbeginn 2015 von all dem loszusagen. Vielleicht wird es mir ja diesmal gelingen, mal einen Neujahrsvorsatz durchzuhalten. Die Zeichen stehen jedenfalls gut.

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Freud, entmythologisiert

Sie ist 186 Zentimeter lang und 83 Zentimeter breit: Die wohl berühmteste Couch der Welt des österreichischen Neurologen, Psychologen und zugleich Kulturtheoretiker Sigmund Freud (1856-1939). Auf ihr hatte Freud fast ein halbes Jahrhundert lang seine Behandlungsmethode - die Psychoanalyse - entwickelt. Sie steht jedoch heute nicht etwa in Wien, wo Freud seine Hauptwerke verfasste und u.a. die Grundlagen der Psychoanalyse erarbeitete, sondern in London, wo Freud vor 75 Jahren, am 23. September 1939, starb. Um Freud heute angemessen zu gedenken, braucht es ein gehöriges Maß an "Entmythologisierung" - das betont der Wiener Psychiater und Leiter der Forschungsgruppe Neuropsychiatrie an der Sigmund Freud Universität Wien, Raphael Bonelli.

 

Herr Prof. Bonelli, Freud zu gedenken bedeutet wohl aus Sicht des Psychiaters heute, eines großen Übervaters zu gedenken. Blicken wir doch daher zunächst auf die biografischen Ecken und Kanten...

 

Gern, Freud war in der Tat ein schwieriger Charakter. Er war sehr ehrgeizig, hatte sehr viel Energie. Er konnte sehr charmant sein, er konnte Menschen gewinnen, aber er war auch sehr eckig, wie man das oft sieht bei narzistischen Persönlichkeiten: sie polarisieren. Anders gesagt: Die Leute haben ihn geliebt oder gehasst - er hat wenige Leute gleichgültig gelassen. In späteren Jahren, als er schon bekannt und berühmt war, war er für seine Mitarbeiter zumeist ein Tyrann. Seine Meinung hatte was Dogmatisches: Die einen sagen, er war so überzeugt von seinen Ideen; die anderen sagen, dass dies Folge seines Narzismus war.

 

Dogmatisch war seine Haltung auch in Religionsfragen...

 

Ja, Freud wächst zwar prinzipiell in einer jüdischen Familie auf, in der das Jüdischsein aber mehr eine Frage der persönlichen Identität als der gelebten Religiosität war. Seine Frau Martha war eine gläubige und praktizierende Jüdin. Er heiratete sie nach jüdischem Zeremoniell, verbat ihr aber dann in der Folge, ihren Glauben auszuüben.

 

Woher rührte Freuds Ablehnung aller Religion?

 

Der Grund, warum sich Freud von Religion abwendet, war der Zeitgeist. Religion galt gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht viel; sie wurde angesichts des technischen Fortschritts als überflüssig angesehen. Charles Darwin hat kurz zuvor seine Hypothesen präsentiert; und die religiösen Menschen galten als Reaktionäre, die den Fortschritt behindern - so ist sein Denken doch noch deutlich im 19. Jahrhundert verhaftet: Technik ist alles, Religion dagegen eine Pathologie, die es zu behandeln gilt.

 

Lässt sich diese Technik-Gläubigkeit auch in seinem Werk festmachen?

 

Ja, und zwar an einer sehr zentralen Stelle, nämlich dort, wo er vom "psychischen Apparat" spricht: Der psychische Apparat ist das Es, das Ich und das Über-Ich, das kennen wir alle. Die meisten wissen aber nicht, dass er das "psychischen Apparat" genannt hat, was sehr viel über ihn und sein Denken aussagt. Da geht es nur um Verdrängen, Sublimieren, Verschieben - das sind lauter Begriffe aus der Physik. Er präsentiert den Menschen also als Maschine. Philosophisch betrachtet ist Freud reiner Materialist.

 

Wird Freud denn seinem eigenen hohen Anspruch an Wissenschaftlichkeit und nüchterner Distanz gerecht?

 

Nein - auch wenn für Freud Wissenschaft alles und Religion nichts ist und er eine fast libidinöse Bindung zum Wort Wissenschaft entwickelt, so muss man doch nüchtern festhalten: Viele seiner Thesen sind wissenschaftlich bis heute nicht überprüfbar und fallen eher in den Bereich der Philosophie. Von dem Psychiater und Zeitgenossen Julius Wagner-Jauregg ist das berühmte Wort überliefert, dass er auf die Frage, ob Freud den Nobelpreis bekommen sollte, geantwortet habe: 'Warum nicht - für Literatur...'

 

Das hört sich an, als könne man aus heutiger Sicht kaum ein gutes Haar an Freud lassen...

 

Fachlich hat sich Freud natürlich große Verdienste erworben: So besteht sein zentraler Beitrag für die heutige Psychotherapie etwa in seiner Erkenntnis, dass man einem Menschen helfen kann, indem man die unausgesprochenen Dinge ausspricht, so ins Bewusstsein holt, mit der Vernunft bearbeitet und dadurch eine Änderung des Verhaltens und Gefühlslebens hervorruft. Das ist das heutige Prinzip der Psychotherapie, das eigentlich auf Freud zurückgeht.

 

Wie steht es um die "andere Seite", sprich: die Patienten heute und damals?

 

Das Patientengut, das Sigmund Freud hatte, existiert heute in dieser Form nicht mehr. Patienten leiden an anderen Dingen, als die Patienten, die Freud vor 100 Jahren therapiert hat. Das hat vor allem gesellschaftliche Gründe, weil um die Jahrhundertwende in Wien z.B. Sexualität ein großes Tabuthema war. Deswegen haben seine Hypothesen, die dieses Thema in den Mittelpunkt rückten, auch für solches Aufsehen gesorgt. Heute wäre da wohl kein großes Aufschreien mehr zu erwarten. Außerdem haben damals viele Menschen an Hysterie gelitten - heute ist das nurmehr ein Randthema. Insofern hat sich mit Sicherheit die Symptompalette und die Krankheitslandschaft in der Psychiatrie sehr geändert, was auch logisch ist, wenn man bedenkt, wie viel Umwelteinflüsse auf die Psyche einprasseln.

 

Inwiefern spielt das Thema Religion heute in der psychotherapeutischen Praxis noch eine Rolle?

 

Es gibt Ansätze, die Religion als eine Ressource betrachten. Dazu gibt es auch viele Studien, die aussagen: Religion tut der Psyche gut. Aber Religion kann natürlich nicht verschrieben werden in dem Sinn, dass man niemandem befehlen kann, religiös zu werden, um weniger Suizidgedanken zu haben. In den USA gehen manche Therapeuten wirklich soweit, dass sie mit ihren Patienten beten und aktiv Religiosität evozieren. Das gibt es in Europa meines Wissens nicht - ich würde das auch nicht gut heißen, weil ich für eine starke Trennung zwischen Psychotherapie und Seelsorge plädiere.

 

Wie fällt ihr Fazit zu Freud aus, heute, 75 Jahre nach seinem Tod?

 

Man muss Freud heute entmythologisieren, um seine Schwächen und Stärken offen zu legen. Das große Problem an den Freud'schen Thesen ist, dass sie nicht falsifizierbar sind und nicht verifizierbar. Sie sind ein System, das sich in sich selbst erklärt und sich damit auch einer objektiven Beurteilung entzieht. Daher sagen manche, die Theorien Freuds sind mehr Ideologie, oder eine Sekte oder gar eine Religion; jedenfalls etwas, das mit sich selbst zusammenhängt und erklärt, aber nicht falsifizierbar sind. Man kann keine seiner Hypothesen heute in den MR-Scanner legen und sagen 'stimmt' oder 'stimmt nicht'.

 

Eine weitere Schwäche Freuds ist, dass er seine Weltanschauung mit hineingenommen hat beim Thema Religion und dort, wo er den Mensch als Maschine betrachtet: Der Mensch besteht bei ihm nur aus Materie und ist zutiefst unfrei. Kein Mensch kann sich frei entscheiden - es hat immer seinen Grund immer im Über-Ich, Ich oder Es. Hier liegt meines Erachtens der große Denkfehler Freuds: Wenn er seinen ganzen Materialismus weglassen würde, dann wären seine Theorien viel brauchbarer und seine Beobachtungen viel nützlicher für die heutige Zeit, weil die Einzelbeobachtungen großartig sind.

 

Quelle: Kathpress-Info-Dienst

 

Nachzulesen und Nachzuhören u.a. hier.

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Alles, was der Fall ist

Mit seiner „Geschichte der abendländischen Philosophie“ wagt der englische Philosoph und ehemalige Priester Sir Anthony Kenny das Experiment einer umfassenden philosophischen Ideengeschichte von den Anfängen bis Derrida. Im Fokus dabei: die Frage nach Gott.


Es gibt Sätze wie in Stein gemeißelt. Sie erheben den Anspruch, dass die Welt nach ihnen nicht mehr dieselbe ist wie zuvor. So etwa der bekannte nachtschwarze Satz des Philosophen Theodor W. Adorno (1903–1969), dem zufolge es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe. Oder sein flammender Abgesang auf die Errungenschaften der zeitgenössischen Philosophie in den Minima moralia: „Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten.“

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Erinnerung als ethischer Maßstab

Die orthodoxe Kirche spielt in Rumänien bei der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit eine wichtige Rolle. Auch der Leiter des Instituts für die Erforschung der kommunistischen Gewaltverbrechen, Radu Preda, ist ein Theologe. Im Interview berichtet er über das heutige Staat-Kirche-Verhältnis, aber auch über die Probleme etwa im ökumenischen Dialog. Hier nachzulesen und nachzuhören:

 

25 Jahre nach dem Ende des Kommunismus ist in vielen osteuropäischen Ländern die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit noch in vollem Gang. So auch in Rumänien. Dort gibt es bereits seit Mitte der 1990er-Jahre eigene Institute für die Erforschung von Totalitarismus und Kommunismus sowie ein Dokumentationsarchiv der Geheimpolizei Securitate. Dennoch findet sich in der Bevölkerung noch keine ausgeprägte, selbstkritische Erinnerungskultur. Das betont der Theologe und Leiter des Instituts für die Erforschung der kommunistischen Gewaltverbrechen, Radu Preda.

 

"Rein anthropologisch-politisch gesprochen droht uns, den Kommunismus zu einer Art Tornado hochzustilisieren, als wäre das eine Naturgewalt gewesen, für die niemand verantwortlich ist - und nach diesem Tornado machen wir uns nicht mehr auf Suche nach Trümmern oder Opfern, sondern schauen nur geradeaus. Diese Art von Verniedlichung der Geschichte und Verkleinerung des Impacts nach dem Motto: Wir haben eine Zukunft, aber was interessiert uns die Vergangenheit, ist höchst gefährlich und giftig.

 

Theologie weist über irdische Gerechtigkeit hinaus

 

Predas Ziel ist es dagegen, eine Erinnerungskultur nicht nur in Form von Gedenkorten oder Gedenktagen zu etablieren, sondern das Wissen um die Vergangenheit als Teil der eigenen Identität zu begreifen, den man nicht verdrängen darf:

 

"Ich vertrete die These, man kann so eine grausame Periode nicht nur unter dem Stichwort Geschichte lernen. Kommunismus hat zum Beispiel ein Kapitel der rumänischen Literatur bedeutet, hat eine bestimmte Sprache bevorzugt. Man sollte über den Kommunismus in der Musik lernen: Die Art der Propaganda, die über uns gegossen wurde mit Liedern und Hymnen auf das Ehepaar Ceausescu. Das ist also eine Frage, das Thema so zu verankern, dass niemand eine Ausrede haben kann, ich davon nie gehört oder ich wusste das nicht."

 

Dass mit Preda seit April ausgerechnet ein rumänisch-orthodoxer Theologe die Leitung dieses von der Regierung finanzierten Forschungsinstituts übernommen hat, sieht der 41-jährige Gelehrte durchaus als Vorteil. Schließlich sei es gerade die Theologie, die über eine bloße irdische Gerechtigkeit hinausweise. Sie halte den Wert der Erinnerung an die Opfer hoch:

 

"Als Theologe kann man schon darauf hinweisen, dass die Justiz nicht nur eine materielle Seite vor Augen hat, nach dem Motto: Was genommen worden ist, wird zurückgegeben. Es geht nicht um eine Rehabilitierung von Verhältnissen, die vor dem Kommunismus geherrscht haben, sondern es gibt auch eine immaterielle Dimension der Justiz: Das heißt, selbst wenn die Leute nicht mehr unter uns sind, selbst wenn ihre Peiniger nicht mehr unter uns sind, sollen wir zumindest mit den Mitteln der Justiz das Recht auf Erinnerung aufrecht erhalten. Es geht um den paulinischen Appell, dass wir nicht vergessen, was die Vorgänger Großes getan haben. Es ist eine Frage der Erinnerung als ethischer Maßstab."

 

"Kirche war einer der ersten Gegner der Kommunisten"

 

Die rumänisch-orthodoxe Mehrheitskirche spielt bei der Frage der Aufarbeitung der Vergangenheit eine wichtige Rolle, weiß Preda zu berichten. So unterhält sie ein eigenes, bislang unzugängliches Archiv - und das aus gutem Grund, gebe es doch noch zahlreiche kirchliche Funktionäre, die ihre Karrieren dem Kommunismus verdankten. Außerdem würde manch ein kirchlich verehrter Widerstandskämpfer bei genauerer Betrachtung dunkle Flecken in seiner Biografie aufweisen, etwa Mitgliedschaften in faschistischen Vereinigungen. Insgesamt aber, da ist sich Preda sicher, war die Kirche im Kommunismus Opfer und nicht Täter:

 

"Der Kirche war natürlich nicht gelegen, dass die Kommunisten an die Macht gekommen sind. Diejenigen, die die Kirche kritisieren, vergessen, dass einer der ersten Gegner der Kommunisten eben die Kirche war - durch ihre Verkündigung, durch ihre Popularität, durch ihre Größe, was jetzt die orthodoxe Mehrheitskirche betrifft. Aus vielerlei Hinsicht war die Kirche eigentlich ein Störfaktor für die Machthaber damals. Deswegen haben sie sich konzentriert, alle Kräfte der neuen Macht, um die Kirche auszuschalten."

 

Im heutigen Rumänien ist die orthodoxe Kirche laut Preda wieder zu einer festen Größe mit großem gesellschaftlichem Einfluss geworden:

 

"Die öffentliche Relevanz der orthodoxen Kirche ist natürlich sehr vielschichtig. Es ist zwar richtig, dass die Aufbruchsstimmung der Neunzigerjahre als solche nicht mehr in dieser Intensität da ist, aber das ist auch ein Zeichen der Gesundheit des gesellschaftlichen Korpus. Wahrscheinlich sind wir zurückgekehrt zu einer gewissen Normalität."

 

Eine Normalität, die allerdings dadurch "außergewöhnlich" ist, dass Kirche und Staat in Rumänien zwar offiziell qua Verfassung getrennt sind, sie aber ein intensives Kooperations-Verhältnis pflegen:

 

"Ich würde die Beziehung so beschreiben, in dem ich das Beispiel aus Deutschland nehme und über eine "hinkende Trennung" spreche. Es ist doch eine Aufteilung der Aufgaben geistlicher und materieller Art. Weil aber der Bürger und der Gläubige in einer Person innewohnen, muss man sich als Staat und Kirche gemeinsam kümmern um seine Bedürfnisse. Das erklärt, warum zwischen Staat und Kirche kein programmatischer Konflikt besteht, sondern man bemüht sich um eine Zusammenarbeit, die aber die Unterschiede von Staat und Kirche nicht aufgibt."

 

"Ökumene leidet an gleicher Krankheit wie Demokratie"

 

Fast 90 Prozent der rumänischen Bevölkerung gehören der orthodoxen Kirche an. Der Anteil der Katholiken beträgt gerade einmal fünf Prozent. Ökumene spielt da nur eine untergeordnete Rolle, weiß Preda zu berichten:

 

"Die Ökumene ist eine Form, sich als Christ seiner eigenen Identität bewusster zu werden und ebenso bewusster sich den anderen zu öffnen. Aber das braucht Zeit und Raum und kann nur geschehen, indem man anfängt zu rezipieren, was bisher alles geschehen ist; an Dokumenten, an Begegnungen, an symbolischen Gesten. Die Ökumene leidet unter den gleichen Krankheiten wie die Demokratie: Sie wird zu wenig gelebt, aber dafür wird sie immer wieder zitiert als bester Weg, aber auf diesem Weg befinden sich zurzeit immer weniger Leute."

 

Innerhalb der Orthodoxie gibt es dagegen deutliche Spannungen. So ringen derzeit nicht nur der russisch-orthodoxe Moskauer Patriarch Kyrill und der Ökumenische Patriarch von Istanbul, Bartholomaios, um die Vormachtstellung. Nein, die orthodoxe Welt spiele geradezu verrückt, kritisiert Preda. Jüngstes Beispiel: die Ukraine. Dort drohe durch den Anspruch des russischen Patriarchen Kyrill auf ein orthodoxes Moskauer Protektorat ein neuer innerorthodoxer Konflikt. Das von vielen Kirchenvertretern ersehnte Ziel eines panorthodoxen Konzils scheint dem Theologen Preda daher in weite Ferne gerückt zu sein:

 

"Egal, wohin man blickt: Die orthodoxen Kirchen haben immer noch eine Agenda voller Themen, die meiner Meinung nach noch vor dem Synod gelöst werden müssen, sonst droht dem Synod der Kollaps, weil alle wichtigen Entschlüsse einstimmig beschlossen werden sollen. Wir haben zu wenig für die Vorbereitungen getan. Es klingt wohl ein bisschen komisch, wenn man bedenkt, dass die Vorbereitung des panorthodoxen Konzils beinah über 100 Jahre andauert. Aber wir haben zu wenig unter uns die Themen ausdiskutiert."

 

 

Erschienen in "Tag für Tag" (Deutschlandfunk) am 8. Juli 2014

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"Religion ist ein wichtiger Teil in meinem Leben"

Foto: Henning Klingen
Foto: Henning Klingen

Im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" sprach der Weltmusiker Hubert von Goisern in einer Pfarre südlich von Wien mit dem Publizisten Heinz Nußbaumer über sein Leben und seine Musik. Im Vorfeld traf ich den Musiker zu einem Interview "über Gott und die Welt". Darin gab er Einblicke in seine persönliche Spiritualität, seine katholische Erziehung und sein gespaltenes Verhältnis zur Kirche. Erschienen ist das Interview im "Kathpress-Info-Dienst" - hier nachzulesen und nachzuhören:

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Cornel West - Stimme der Gescheiterten

Foto: Henning Klingen
Foto: Henning Klingen

Wer Cornel West begegnet, kann sich dem Charisma des US-amerikanischen Philosophen, Predigers und schillernden öffentlichen Intellektuellen nur schwer entziehen. Seine Sprache ist direkt und schnörkellos, sein breites Lachen ansteckend. Wenn West jedoch beginnt, aus dem Stand europäische Philosophen und Literaten zu zitieren und dies zu einer scharfsinnigen, tiefschwarzen Gesellschaftsdiagnose zu verweben, wird einem klar: Hier hat man die glückliche Mischung aus philosophischer Brillanz und öffentlichkeitswirksamer Inszenierung vor sich. Ein Ansatz, der bei West durchaus programmatisch ist. Denn philosophische Erkenntnis ist für ihn kein Produkt eines universitären Elfenbeinturms, sondern Ertrag öffentlicher Debatte und vor allem sensiblen Zuhörens auf die Menschen am Rand der Gesellschaft.

 

Mein Gespräch mit Cornel West kann hier nachgehört und hier auf der Seite des "Deutschlandfunks" nachgelesen werden.

 

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"Kirche und Theologie den Tisch decken..."

Foto: Henning Klingen
Foto: Henning Klingen

Papst Franziskus stellt aus Sicht der Kirchengeschichtsforschung einen "Unsicherheitsfaktor" dar; die "Doppel-Heiligsprechung" von Johannes Paul II. und Johannes XXIII. ist "katholisch", weil so zwei sehr unterschiedliche Ausprägungen des Petrusamtes gleichermaßen gewürdigt werden - Zwei große Themengebiete und prononcierte Aussagen des bekannten Münsteraner Kirchenhistorikers Hubert Wolf. Das Interview mit ihm können Sie im Folgenden im Wortlaut nachlesen.

 

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Der Souverän meldet sich zurück

Politikverdrossenheit war gestern: unter der medial aufpolierten Oberfläche professioneller Politik haben soziale Initiativen eine neue Leidenschaft für die Politik entdeckt. Der Clou: Unter dem Betriff "Social Entrepeneurship" gehen wirtschaftliche und soziale Interessen einher. Grundiert bleibt dieses neue-alte Modell von Politik durch eine basale menschliche Eigenschaft: Die Fähigkeit zur Mitleidenschaft. Eine Rezension des neuen Buches von Jürgen Manemann, "Wie wir gut zusammen leben. 11 Thesen für eine Rückkehr zur Politik."

 

Sie war gediegen und dem Anlass einer Festrede zum 125. Gründungstag der SPÖ angemessen - die Analyse, die der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in der Vorwoche im "Standard" zur Situation von Demokratie und Politik in Österreich vorgelegt hat. Liessmann verweist darin auf die Gefahr einer weitreichenden "Merkantilisierung" von Privatsphäre und politischer Öffentlichkeit und ihre dramatischen Folgen für den Fortbestand der parlamentarischen Demokratie.

 

Tatsächlich sprechen Erhebungen wie etwa die Studie "Direkte Demokratie in Österreich" der Universität Graz und des Meinungsforschungsinstituts IFES von 2012 eine deutliche Sprache: Nur mehr 19 Prozent der Befragten geben darin an, politisch interessiert zu sein, ein Drittel nimmt gar keinen Anteil mehr an politischen Themen. Wenn aber Liessmann schließlich als Antwort nach einem neuen Staatskonzept fragt und eine "Wiedergewinnung des Politischen" fordert, so sollte man doch ins Stutzen geraten. Stellt sich die soziale Realität selbst in einem im Blick auf seine politische Kultur so abgewirtschafteten Land wie Österreich tatsächlich derart trist dar?

 

Social Entrepreneurship

 

Gewiss, es gibt sie, die dem oftmals zermürbend überstrukturierten Alltag geschuldete soziale Apathie und Politikmüdigkeit. Aber es gibt auch die "andere" Realität, die sie sich im Engagement zahlreicher kleiner sozialer Bewegungen ebenso zeigt wie auf der großen Bühne der Europäischen Union. Ob Proteste gegen Bauprojekte, ob Studierendendemos für bessere Studienbedingungen oder Europäische Bürgerinitiativen - galt bis vor kurzem noch das Wort von der Politikverdrossenheit zeitdiagnostisch als "state of the art", so mehren sich die Zeichen einer Rückkehr der Politik als Bürgerpolitik. Anders gesagt: Der Souverän meldet sich zurück.

 

Gefördert wird diese Rückkehr etwa unter dem schillernden Begriff des "Social Entrepreneurship" - unter anderem von Seiten der Europäischen Union. Auf den ersten Blick verbirgt sich dahinter eine auf nackten wirtschaftlichen Tatsachen beruhende Blickerweiterung: So beträgt der Anteil des sozialen Unternehmertums am europäischen Bruttoinlandsprodukt bereits rund zehn Prozent. Von daher wundert es nicht, dass auch die EU das Thema für sich entdeckt hat und 2011 die "Initiative für soziales Unternehmertum" ins Leben gerufen hat.

 

Es geht um Arbeitsplätze, gewiss, erklärtes Ziel ist jedoch immer auch das "Empowerment", die Aktivierung und politische Emanzipation der Zivilgesellschaft. Erst vor knapp einer Woche hat die EU-Kommission diese Fragen mit mehr als 2.000 Sozialunternehmern und Vertretern verschiedener Förderorganisationen in Straßburg erörtert. Von sozialer Gerechtigkeit war die Rede, von gesellschaftlicher Solidarität, Wandel und "kollektivem Wohlstand", wie es in der abschließenden "Straßburger Erklärung" heißt.

 

In Österreich ist diese Bewegung, die auf eine Schubumkehr bis hinein in wirtschaftliche und politische Institutionen zielt, gerade im Entstehen begriffen, weiß Georg Schön von "Ashoka Österreich" zu berichten. "Ashoka" fördert gezielt soziales Unternehmertum "mit dem Potenzial zu strukturellem Wandel und mit der Intention, die Zivilgesellschaft zu beleben", so Schön.

 

Fähigkeit zur Mitleidenschaft

 

Dass es um mehr als die Förderung vielversprechender Startups geht, zeigt schon der Vereinsname: "Ashoka" kommt aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie "aktives Überwinden von Missständen". Damit ist zugleich eine Triebfeder nicht nur des sozialen Unternehmertums benannt, sondern der Kern aller Bürgerpolitik: die Orientierung am Gemeinwohl und dessen Fundierung in der Fähigkeit zur Mitleidenschaft.

 

Philosophischen Rückenwind für diese Rückkehr der Politik bietet das kleine Bändchen "Wie wir gut zusammen leben" des Hannoveraner Theologen und Philosophen Jürgen Manemann. Auf Parteiveranstaltungen und in politischen Foren stellt er derzeit seine "11 Thesen für eine Rückkehr zur Politik" zur Diskussion - und erntet dabei viel Zustimmung. Anhand zahlreicher Beispiele zeigt Manemann auf, wie gegenwärtig "aus Wahlbürgern Aktivbürger werden" und unter verkrusteter Partei- und Klientelpolitik der Kern des Politischen neu ans Licht kommt. Das Neue ist dabei etwas sehr Altes - die Erkenntnis nämlich, dass Politik nicht etwas für "Macher-Typen" ist, sondern dialogisch im Zwischenraum der Differenz und der Anerkennung des Anderen entsteht.

 

Diese neue Politik ist eine Politik konkreter Orte. Wenn sie auch das Internet und die sozialen Netzwerke als organisatorische "Tools" nutzt - sie fi ndet ihren Ort am Ort: im Wiener Audimax, am Kairoer Tahir-Platz, im New Yorker Zuccoti- Park; kurz: dort, wo Menschen miteinander auf Augenhöhe streiten - nicht für den persönlichen Vorteil, sondern für das Gemeinwohl.

 

Das Wohl der Ausgestoßenen

 

Der Begriff trägt dabei eine revolutionäre Spitze in sich, denn er versteht Gerechtigkeit gerade nicht als Gleichheit, sondern als "individuelles Gerechtwerden". Anders gesagt: Wer das Gemeinwohl in den Blick nehmen möchte, der muss sich in erster Linie am Wohl der Ausgestoßenen orientieren, am Wohl jener, die keine Lobby haben.

 

Dem Philosophen geht es bei all dem keineswegs um "Politik(er)- Bashing", sondern darum, neu Geschmack auf Politik zu machen. So stellt Bürgerpolitik für ihn den notwendigen Aufstand gegen die ebenso notwendige Ordnungspolitik dar - nicht aber im anarchistischen Gestus, sondern in der Absicht, Regeln zu verändern, sie zu humanisieren. Politik ist demnach nichts anderes als "öffentliche Liebe", oder, um es mit dem Philosophen Slavoj Zizek zu sagen, "die Kunst des Unmöglichen".

 

erschienen in: "Die Furche" am 23. Januar 2014

 

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Mut - ein Imperativ!

Es gehört zweifellos zu den Höhepunkten für einen Journalisten, wenn man exklusive Geschichten oder Interviews auftut. Mir fiel dieses Glück bereits zu Beginn meiner Ausbildung als Jungjournalist bei der Katholischen Medienakademie 2005 in den Schoß. Damals recherchierte ich zur 1940 von Kardinal Theodor Innitzer gegründeten „Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“. Dabei stieß ich auf eine prominente Zeitzeugin, die sich tatsächlich zu einem Interview bereit erklärte – die Autorin Ilse Aichinger.

 

Wir trafen uns bei ihrem Verleger. Aichinger, damals bereits 84 Jahre alt und vom Leben gebeugt, sprach langsam und bedächtig. Sie nahm sich viel Zeit, erzählte bereitwillig von ihren frühen Jahren unter den Repressionen der Nazis, wie sie die Kriegsjahre untergetaucht als „U-Boot“ in Wien überlebte, von ihrem ersten Erfolg – dem Roman „Die größere Hoffnung“ - aber ebenso von den Mühen des Alters, von täglichen Kinobesuchen, „um die eigene Existenz zu ertragen“, und schließlich vom Tod ihres ebenso berühmten Mannes Günter Eich.

 

Mit ihrer eigenwilligen Mischung aus gnadenloser Negativität, Trotz und doch einem Lebensmut, der einen dunkel schimmernden Hoffnungskern verriet, zog mich die Frau in ihren Bann. Ins Mark traf mich ihr Satz: „Ich habe mein ganzes Leben als eine einzige Zumutung empfunden“. Das sagte sie ganz ohne Verbitterung, sondern mit der Gelassenheit einer Wissenden. Leben, das ist aus ihrer Sicht Pflicht zum Über-Leben – „und dazu braucht es Mut“.

 

Mit Religion hat Aichinger laut eigenen Angaben nicht viel am Hut. Dennoch scheint sie mit ihren inzwischen 92 Jahren ein verborgenes Kraftwerk der Hoffnung in sich zu tragen. Hoffnung aber worauf? Was sie nicht verzagen lässt, verdankt sie, wie sie sagt, u.a. Pater Ludger Born. Als Leiter der „Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ vermittelte er den dort Versammelten – darunter auch Aichinger - „das Gefühl, dass unsere Existenz nicht ganz umsonst ist.“

 

Es sind die Erfahrungen jener, denen das Leben als Zumutung erschien, die – nicht selten mit dem Mut der Verzweiflung – ihrem Schicksal die Stirn geboten haben und die uns glücklich Nachgeborenen heute den Imperativ abnötigen, Mut zu haben und dem Himmel ein Stück jener Hoffnung abzutrotzen, die die Welt verweigert. Es war unser Gespräch eines der letzten Interviews, die Ilse Aichinger seither gegeben hat. Es hat mich ermutigt. Bis heute.

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Auswanderer "mit Nettetal im Herzen"

Ich bekenne es ja nur zu gern: Ich komme vom Niederrhein und liebe diese Gegend weiterhin sehr - auch wenn mich mein Lebensweg inzwischen geografisch weit weg geführt hat. Die Bande in diese schöne Region sind weiterhin eng - durch Freude, Familie, durch Erinnerungen, die mich bewegen und beleben. Zu meinem "Heimat-Patriotismus", in dem wahrlich nichts politisch Trübes mitschwingt, wie es der Begriff suggerieren könnte, gehört auch, dass ich versuche, über meine Heimat auf dem Laufenden zu bleiben. Etwa durch Zeitungen wie die Wochenzeitung "Grenzland Nachrichten" oder das Magazin "Im Graf". In der Rubrik "Auswanderer" durfte ich in der aktuellen Ausgabe ein wenig von mir berichten.

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