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In der Rüstkammer katholischer Apologetik

 

Wer schlagkräftige Argumente in der Auseinandersetzung mit Säkularismus, Atheismus oder Evolutionismus sucht, sollte Gilbert Keith Chestertons Klassiker "Orthodoxie" lesen - Ein "Kathpress"-Hintergrundbericht von Henning Klingen

 

19.03.12 (KAP-ID) "Ich bin katholisch, und das ist auch gut so". Mit dieser Botschaft zieht seit einiger Zeit "Spiegel"-Autor Matthias Matussek durch die Talkshows. Vielerorts trifft er damit auf Begeisterung und Zustimmung. Sein Buch "Das katholische Abenteuer" verkauft sich prächtig und erfreut sich selbst vatikanischer Zustimmung: Kurienkardinal Paul Josef Cordes rühmte das Glaubenszeugnis des Journalisten unlängst als "wahrhaft katholisch".

 

Zugleich rüsten Verlage und Zeitschriften mit religiösen Beilagen auf. "Feuilleton-Katholizismus" nennt die Leiterin der Redaktion "Christ und Welt", Christine Florin, dieses Phänomen eines neuen publizistischen Interesses an religiösen Themen. Dabei fällt laut Florin auf: die meisten dieser Publikationen - von Manfred Lütz' "Gott - eine kleine Geschichte des Größten" bis hin zu Martin Mosebachs "Häresie der Formlosigkeit" - sowie ihre feuilletonistischen Pendants sind pointiert konservativ.

 

Ihr Erfolg - so könnte man als These formulieren - verdankt sich einem wachsenden Bedürfnis nach Werten und Orientierung in einer komplexer werdenden, von Säkularisierung und Privatisierung gleichermaßen bewegten Gesellschaft. Ihre Apologie des Christentums fußt dabei in einer hohen - gerade auch kulturellen - Wertschätzung der kirchlichen Tradition auf der einen Seite und einer negativen Zeitdiagnose des Werteverfalls und Niedergangs an Solidarität auf der anderen Seite.

 

Dass die aktuellen publizistischen Angebote so neu nicht sind, mehr noch: dass sie oft nur die modernisierte Relecture einer 100 Jahre alten, meisterhaften Verteidigung des Christentums sind, beweist ein Blick auf einen neu aufgelegten Klassiker: "Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen", 1908 vom englischen Autor, Journalisten und streitbaren Intellektuellen Gilbert Keith Chesterton veröffentlicht. Dass ausgewählte Werke Chestertons auch im deutschen Sprachraum seit einiger Zeit eine Renaissance feiern, ist dabei nicht zuletzt Hans Magnus Enzensberger zu verdanken, der u.a. "Orthodoxie" in seine "Andere Bibliothek" aufgenommen und jüngst - bezeichnenderweise mit einem Vorwort von Martin Mosebach versehen - neu aufgelegt hat.

 

Moderne Zeitdiagnosen

 

Zum Klassiker brachte es Chestertons Werk vor allem angesichts seiner essayistisch-bissigen Sprach- und Formulierungskunst, der zahlreichen autobiografischen Elemente (er schreibt, das Buch sei eine "nächlässig hingeworfene Autobiografie") und seiner geradezu prophetisch anmutenden Zeitdiagnosen. Sei es ein übersteigerter Ich-Kult, ein enthemmter Materialismus oder ein alle Phänomene erklärender Evolutionismus: die Probleme, denen heutige zeitsensible Autoren entgegentreten, kann man alle bereits bei Chesterton finden - samt der dazu gehörenden Antworten, die ebenso für heute anschlussfähig wirken.

 

Materialismus bedeute laut Chesterton, die Welt als Verkettung von Kausalitäten, von logischen Folgen zu erklären. Wer das tue, nehme sich Hoffnung, Mut, Poesie, kurz: "alles, was menschlich ist". Wer nur sich selbst gelten lasse, mache sich selbst zum Maßstab aller Dinge. "Ich kann Sie zu den Thronen der Übermenschen bringen", schreibt Chesterton, "die Menschen, die wahrhaft an sich glauben, stecken alle in Irrenanstalten." Und gegen den Evolutionismus konstatiert der Brite, dieser erschöpfe sich in einem hohlen "Immer weiter so", in Entwicklung um ihrer selbst Willen - ohne Ziel und Zweck.

 

Damit jedoch ist man bereits ganz in die Argumentation Chestertons eingestiegen, wirft er doch den modernen, sich vom Christentum und jeder Religion abwendenden Zeitgenossen gerade vor, die Wirklichkeit zu verkürzen: Wer nur im Jetzt lebt, wer nur ein "durch und durch weltlicher Mensch" ist, der versteht nichts, so seine markige Formulierung. Wo etwa die "materialistische Philosophie" den Menschen einenge auf das Faktische, da beharre der Christ darauf, dass die Welt "vielfältig und sogar bunt gewürfelt ist".

 

Ähnlich scharf geht Chesterton gegen einen "Pragmatismus" sowie seiner Ansicht nach um sich greifende "Naturkulte" und einen "schrecklichen Kult um den 'Gott im Inneren'" vor. Eine quasi-pantheistische Naturverehrung unterschlage den theologischen Kern der Schöpfung - nämlich, dass "alles Schöpfung Trennung" sei. "Den meisten philosophischen Lehren zufolge versklavte Gott die Welt, als er sie schuf. Dem Christentum zufolge entließ er sie beim Akt ihrer Erschaffung in die Freiheit." Und gegen die damalige Mode, spirituell auf fernöstliche Religiosität zu schielen, schreibt Chesterton: Der buddhistische Heilige habe "die Augen stets geschlossen, der christliche Heilige hingegen stets weit offen". Der Buddhist blicke "mit extremer Anspannung nach innen", der Christ hingegen starre "mit fieberhafter Anspannung nach außen".

 

Vermeintliche Liberalität

 

Bestechend auch seine daran entwickelte theologische Grundthese: "Alle wichtigen Zielsetzungen derer, die die Theologie liberalisieren wollen" führten zu "ganz und gar illiberalen Auswirkungen auf die soziale Praxis". Freiheit in der Kirche bedeute zugleich den Versuch, "Tyrannei in die Welt zu bringen" - denn die Befreiung der Kirche meine vor allem die modernistische Befreiung von alten Dogmen hin zu neuen Dogmen - zum Materialismus, zum Pragmatismus, zum Evolutionismus, zum Pantheismus - kurz: zum "Dogma der Notwendigkeit"; und dieses wiederum entpuppe sich politisch als "natürlicher Verbündeter der Unterdrückung".

 

Um Chesterton zu verstehen, muss man in seine Biografie, aber auch in die bewegten Lebensumstände des ausgehenden 19. und anhebenden 20. Jahrhunderts blicken. Der 1874 in London geborene Chesterton stammte aus streng protestantischem Haus. Früh rebellierte er gegen seine Herkunft, mit 12 sei er Heide, mit 16 kompletter Agnostiker gewesen, notierte er. Er war von mächtiger, imposanter Gestalt - humorvoll, mit einem Hang zum genussvollen Leben und zum öffentlichen Disput. Zu seinen bevorzugten Dialog- und Disputpartnern gehörten Größen wie George Bernard Shaw oder der Philosoph Bertrand Russell.

 

Chesterton schrieb 80 Bücher, 200 Kurzgeschichten, 4.000 Essays und Theaterstücke. Er lebte vom Wort, das er wie kaum ein zweiter elegant und scharf zugleich beherrschte. In Paradoxien fühlte er sich zu Hause. Zum Klassiker avancierte etwa das folgende Zitat: "Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten - und sie kommen in Scharen."

 

Den intellektuellen Weg, der Chesterton 1922 schließlich zum Katholizismus führte, kann man in "Orthodoxie" nachempfinden. Zugleich ist es Chestertons Versuch gewesen, der Kirche, seiner Kirche, in ihrem Kampf gegen den auch in der Theologie hereinbrechenden Modernismus beizustehen. Denn allerorts drängten die modernen Wissenschaften vor - auch in der Religion. Sie zweifelten an der überzeitlichen Wahrheit des Christentums, an der göttlichen Inspiration der Bibel. "Orthodoxie" ist somit auch ein autobiografisches Buch - und damit auch ein oftmals kurzweiliger, von wortgewaltigen Beschimpfungen und überraschenden Paradoxien übervoller Genuss.

 

So bewegte ihn von Kind an eine "unbewusste Ahnung, dass unsere Welt irgendeinem Zweck dient. Und wenn es einen Zweck gibt, dann gibt es auch ein Subjekt." Wo es Erzählungen gibt, da muss es auch einen Erzähler geben: So fand sich im alltäglichen Leben für ihn bereits der "Nährboden für die Samenkörner des Dogmas". "Ich spürte im Grunde meines Herzens, erstens, dass diese Welt nicht aus sich selbst erklärbar ist. (...) Zweitens kam ich zu der Überzeugung, dass in der Zauberei ein Sinn stecken musste und dass zum Sinn ein Sinngeber gehörte. (...) Drittens fand ich diesen Sinn in seiner überlieferten Gestalt herrlich, allen begleitenden Monstrositäten - wie etwa Drachen - zum Trotz. Viertens schien mir irgendeine Form der Demut und Zurückhaltung die angemessene Art, dieser Macht unseren Dank abzustatten. (...) Und as Letzte und Merkwürdigste war, dass sich in meinem Geist der ebenso ungeheure wie vage Eindruck festgesetzt hatte, alles Gute in der Welt sei irgendwie Überbleibsel aus einem ursprünglichen Zusammenbruch und müsse als solches bewahrt und heiliggehalten werden."

 

Und wie jedes Erweckungserlebnis, so beginnt auch Chestertons glühender Einsatz für das Christentum mit einem "lautlosen Blitzschlag", der ihn "in stiller Stunde" traf: die Erkenntnis nämlich, dass nicht das Christentum irrt, sondern all die anderen, all die Kritiker und Verächter: "Mit Verblüffung stellte ich fest, dass dieser Schlüssel ins Schloss passt." Es ist die hohe Komplexität des Christentums, dass alles in sich vereint - Optimismus und Pessimismus, Liebe und Schwert, Dogma und Freiheit. Damit entspreche das Christentum jenem Kern der Orthodoxie: Diese habe immer darauf bestanden, "dass Christus weder ein Wesen jenseits von Gott und Mensch war (...) noch ein halb menschliches, halb nicht-menschliches Wesen (...), sondern Mensch und Gott zugleich, beides ganz und von Grund auf."

 

Orthodoxie - geistige Enge oder Weite?

 

Warum wählte Chesterton zu dieser Beschreibung gerade den Begriff der "Orthodoxie"? Orthodoxie - das war für ihn wie für jeden Leser zur damaligen Zeit das abschreckende Gesicht der Religion. "Orthodoxie war ein anderes Wort für geistige Enge, Obskurantismus und bösartiges kirchliches Machtstreben", so Martin Mosebach in seinem Vorwort. Dagegen entfaltete Chesterton in seiner Vorliebe für Paradoxie und Irritation einen ganz anderen Begriff von Orthodoxie.

 

Deren einzigartiger Vorteil bestand für ihn nämlich darin, dass sie es gerade vermied, ein geschlossenes System zu bilden: Es seien schließlich gerade die Modernisten und ihre auf Kausalverkettungen und Wissenschaftlichkeit basierende Weltbilder, die die Welt als "stahlharten Käfig" (Max Weber) beschrieben - und nicht die Religion, die Welt offen beschrieb. Die "wichtigste Frage" sei für ihn, so Chesterton, wie der Mensch es fertig bringen könne, "gleichzeitig voll Staunen über die Welt zu sein" und sich "in ihr zu Hause zu fühlen" - und zugleich weiterhin "daheim (...) Heimweh" zu empfinden nach jenem "Mehr", dass das Christentum verspricht. Das Christentum lasse zwei Farben nebeneinander bestehen, ohne daraus Mischfarben anzurühren, so Chesterton. Orthodoxie sei daher ganz und gar nichts "Schwerfälliges, Langweiliges und Gefahrloses", sondern packend und riskant - denn sie verlangt dem Gläubigen eine stetige Weltfremdheit ab, ein Leben in der Buntheit.

 

Hoffnung auf konservative Revolution

 

Es ist in der Tat ein Genuss, Chesterton zu lesen. Aber die Renaissance seiner Schriften, das neue Interesse gerade an "Orthodoxie" rührt nicht allein aus der Bewunderung für sein erfrischendes Schreiben. Hier blickt man vielmehr in die Rüstkammer einer neuen Generation kulturkämpferisch gestimmter Geister. Sie lesen Chesterton in der Hoffnung auf eine konservative Revolution, auf eine neue Blüte großer Begriffe wie Wahrheit, Gott, Transzendenz, Kirche.

 

Sie wollen das Christentum verteidigen - allerdings gerade nicht durch eine dialogische Öffnung oder durch eine radikale Öffnung zur Geschichte. Ihnen geht es um die Bewahrung des Dogmas, um das Mysterium in einer ganz und gar unmystischen Welt, kurzum: Chesterton ist ihnen Garant eines von allem vermeintlich modischen Beiwerk gereinigten puren Glaubens. Nicht umsonst verortet Mosebach in seinem Vorwort Chestertons "Orthodoxie" im Kontext der heutigen Auseinandersetzungen mit einem seiner Meinung nach um sich greifenden Atheismus und der befürchteten Folge "Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt".

 

Aber wird diese konservative Vereinnahmung Chesterton gerecht? Einige wenige Schlaglichter nähren zumindest Zweifel. So setzt sich Chesterton in seiner "Orthodoxie" selbst mit dem Vorwurf auseinander, seine Haltung sei konservativ im Sinne eines Plädoyers für eine bloße Bewahrung des Status quo. Dagegen schreibt Chesterton, dass gerade das Christentum sich in einer "ewigen Revolution" übe, denn keine der damals neueren geistigen Strömungen - Tolstoianismus, Neofeudalismus, Kommunismus, Anarchie - habe zu einer Veränderung beigetragen, sondern nur dafür gesorgt, "dass Monarchie und Oberhaus erhalten bleiben".

 

Für den "Orthodoxen" hingegen gebe es "immer einen Grund zur Revolution" - "denn Revolution heißt Restauration". Dahinter steht gewiss ein unüblicher Begriff des Konservativismus: Konservativ sei man nicht, wenn man alles sich selbst überlässt und bewahrt; konservativ sein bedeutet laut Chesterton einen aktiven Akt: "Man muss beständig für eine Revolution sorgen."

 

Chesterton starb am 14. Juni 1936 in seinem Haus in Beaconsfield. Posthum wurde er von Papst Pius XI. als "Fidei Defensor", als Verteidiger des Glaubens, geehrt.

 

 


Oslo: Religiöser Wahn oder Wahnsinn aus Irreligiosität?


Nach den grausamen Morden in Norwegen debattiert das Feuilleton die Frage des "christlichen Fundamentalismus" und zielt dabei am eigentlichen Thema vorbei - Ein "Kathpress"-Hintergrundbericht von Henning Klingen

 

Wien, 27.07.11 (KAP) "Wer" und vor allem "Was" ist Anders Behring Breivik? Über diese Frage ist zumindest im deutschsprachigen Feuilleton eine heftige Debatte ausgebrochen. Unerträglich scheint der Gedanke, da könne einer aus der Anonymität hervortreten und über 70 Menschen, viele davon Kinder und Jugendliche, von Angesicht zu Angesicht erschießen. Ein Motiv muss also her, ein Erklärungsmuster, um auszuhalten, was nicht auszuhalten ist. Ist er - wie es die norwegische Polizei formulierte - als "christlich-fundamentalistisch" einzuschätzen? Ist er ein "100-prozentiger Christ" - so seine Selbstaussage? Handelt es sich gar - wie es der "Spiegel" formulierte - um die "ersten antimuslimischen Terrorakte in Europa"? Handelte dort ein Mensch in "religiösem Wahn"?

 

Darüber diskutieren Journalisten und Theologen munter, als würde ein direkter Pfad von extremem Gedankengut zum Mord führen - und als wäre das sogenannte "Manifest" des Täters tatsächlich eine Art Glaubensbekenntnis und mehr als ein geschickt montiertes "apokalyptisches und terroristisches Kulturkampf-Szenario" voller Verschwörungstheorien und Absurditäten "aus dem virtuell feilgebotenen Selbstbedienungsladen der rechtspopulistischen Bloggerszene und deren parteipolitischen Akteuren sowie von neonazistischen Internetseiten", wie es in einer Analyse der "Zeit" heißt.

 

Religion und Gewalt

 

Zwischen den Zeilen tritt dabei unversehens wieder ein alter Vorwurf hervor, mit dem sich der biblische Monotheismus zuletzt vor zehn Jahren rund um die Attentate vom 11. September 2001 konfrontiert sah: der Vorwurf, der Absolutheitsanspruch des Glaubens an den einen Gott generiere ein latentes Gewaltpotenzial, da dieser Glaube andere Meinungen ausschließe und die Bibel den Eiferern mögliche Gewaltlegitimationen liefere.

 

So las man etwa im "Spiegel" unmittelbar nach "09/11": "Religiösen Wahn hat es zu allen Zeiten in allen Glaubensrichtungen gegeben, er ist gleichsam die dunkle Seite jeder Religion, die nur schwer zu erklären ist. Verbreitet war und ist er indes vor allem in den drei Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam, die alle drei an einen Gott glauben, sich auf Abraham gründen und deshalb auch abrahamitische Religionen genannt werden."

 

Verständlicherweise weisen christliche Vertreter wie etwa der Münsteraner Bibelwissenschaftler Theologe Hermut Löhr oder der evangelische Theologe Reinhard Hempelmann im Fall Breivik jeden Konnex des Täters zu den Grundmotiven des christlichen Glaubens von sich. Auch Freimaurer und andere in Breiviks "Manifest" erwähnten ideologischen und weltanschaulichen Gruppen streiten im Reflex jeden Zusammenhang ab und sprechen lieber - wie etwa die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" - von einer "Religions-Fantasy mit blutigen Folgen".

 

"Aktiver Nihilismus"

 

Aber führt diese Debatte tatsächlich zu einem Ziel? Oder geht sie gar am eigentlichen Kern vorbei? Handelte Breivik tatsächlich aus einem religiösen Wahn heraus, oder spricht aus seinem Morden nicht vielmehr ein "aktiver Nihilismus", wie er dem Theologen Jürgen Manemann zufolge bereits den Attentätern des 11. September zuzusprechen war? Damals, unmittelbar nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center, konstatierte Manemann in der Zeitschrift "Orientierung": Bei den Anschlägen handle es sich nicht um den Ausdruck eines Fundamentalismus bzw. einer fundamentalistischen Gesinnung der Täter, sondern um einen sich hinter "religiösen Floskeln" versteckenden "aktiven Nihilismus".

 

Dieser ziele nicht mehr auf das Utopische, auf die Umformung der Zustände, er trage auch nicht mehr den - und sei er noch so verschlüsselten - Schrei eines verwundeten Glaubens in sich. "Er intendiert nicht Heilung, sondern Untergang", allein die "gegenwärtige Handlung ist ihm Dogma". Auf den Punkt gebracht - und auch für die Tat Breiviks die entscheidende Anfrage: "Wenn hier von Religiosität zu reden wäre, dann allenfalls im Sinne Wittgensteins, der gesagt hat, dass religiöser Wahnsinn Wahnsinn aus Irreligiosität sei."

 

Gewiss, so Manemann, gebe es auch einen Wahnsinn aus religiösem Eiferertum und somit aus "Fundamentalismus" heraus - allein, dieser drücke sich nicht in solchen Verbrechen aus.

 

 

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