"Blasphemie!" - Relecture eines inkriminierten Begriffs

Foto: Charles Maynes
Foto: Charles Maynes

In Moskau werden Musikerinnen wegen eines Skandalauftritts in der Kirche zu Lagerhaft verurteilt, in Italien wird gegen Ulrich Seidls neuen Film der Blaspemie-Vorwurf erhoben – Stehen wir an der Schwelle eines neuen Kulturkampfes zwischen Religion und Kunst? Nein, der Vorwurf demonstriert eher die enorme Unsicherheit im Medien- und Kulturbetrieb, mit dem Numinosen umzugehen...

 

 

Erschienen im österreichischen Theater- und Kulturmagazin "Bühne" (10/2012)

 

Blasphemie! Das klingt nach Inquisition und brennenden Scheiterhaufen. Tatsächlich raunt das Wort gegenwärtig wieder durch die Gazetten, von der staunenden Öffentlichkeit verfolgt mit einer Mischung aus Schaudern und lustvollem Voyeurismus. Denn wer sympathisiert nicht mit jenen jungen Musikerinnen, die in Moskau wegen Rowdytum aus „religiösem Hass“ und der Verletzung religiöser Gefühle zu zwei Jahren Straflager verurteilt wurden? Und wer schüttelt nicht den Kopf angesichts der Anzeige, die Regisseur Ulrich Seidl wegen einer Masturbationsszene mit einem Kreuz von einem Netzwerk katholischer Organisationen in Italien kassiert hat?

Werden also die Blasphemie-Paragraphen wieder entstaubt und die Beleidigung des Höchsten erneut zum Gegenstand säkularer Rechtsprechung? Stehen wir damit gar an der Schwelle eines neuen Kulturkampfes zwischen Religion und Kunst? Nein. Denn blickt man genauer auf die Anklagepunkte etwa beim Prozess gegen die Band „Pussy Riot“, so wird nicht Gotteslästerung geahndet, sondern die Verletzung religiöser Gefühle anderer. Das bedeutet freilich nicht, dass das Moskauer Urteil hinzunehmen ist – tatsächlich haben katholische Organisationen wie „Pax Christi“ und Theologen das Urteil als menschenrechtswidrig kritisiert.

Wenn die Medien sich aber gierig auf die zweifellos vorhandenen religiösen Extreme stürzen und deren juristisches Ansinnen gleich pauschal mit „Blasphemie“ betiteln, so zeigt das vor allem eines: die Unsicherheit im Umgang mit dem, was heute noch als „heilig“ gilt. Dass Gott nicht zu beleidigen ist, sondern nur Gläubige, gehört zu den Grundübungen jeder philosophischen Auseinandersetzung mit der Aufklärung. Spätestens seit dem Zerbrechen der Allianz von Thron und Altar, dem Sturz Gottes als Weltenlenker und dem Aufstieg des säkularen Rechtsstaates ist der Blasphemie-Vorwurf zu Recht inhaltsleer.

Dennoch, es blieb eine Leerstelle, die auch Kunst und Kultur nicht unbewegt lassen kann, wie zuletzt etwa Martin Walser in einem Essay festhielt: „Gott fehlt. Mir.“ Die Leerstelle vergessen zu machen, bedeutet zugleich, den Horizont des Unverfügbaren zu schließen, für den der Name Gott steht. Wo sich der Mensch zum letzten Maßstab aller Dinge macht, wo selbst die letzte Bastion säkularer Sakralität, die Menschenwürde, nicht mehr emphatisch verteidigt wird und Menschen zu bloßem Material degradiert werden, da droht die „zivile Blasphemie“. Anders gesagt: Die Gotteslästerung von gestern ist die Menschenlästerung von heute.

Können sich hier nicht Kunst und Religion die Hand reichen? Denn in den Hochformen des philosophischen Diskurses über Wesen und Ziel von Kunst wurde genau dieser Anspruch formuliert: „Kunst will das, was noch nicht war, doch alles, was sie ist, war schon“ (Th. Adorno). Will Kunst das tatsächlich noch? Wenn der Kunst- und Kulturbetrieb sich durch den verirrten „Blasphemie“-Ruf einiger religiöser Fanatiker aus der Ruhe bringen lässt, dann hoffentlich nur in diesem Sinne: dass man sich ernsthaft dieser Frage stellt.

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