Mut - ein Imperativ!

Foto: flickr.com / kooyami
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Es gehört zweifellos zu den Höhepunkten für einen Journalisten, wenn man exklusive Geschichten oder Interviews auftut. Mir fiel dieses Glück bereits zu Beginn meiner Ausbildung als Jungjournalist bei der Katholischen Medienakademie 2005 in den Schoß. Damals recherchierte ich zur 1940 von Kardinal Theodor Innitzer gegründeten „Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“. Dabei stieß ich auf eine prominente Zeitzeugin, die sich tatsächlich zu einem Interview bereit erklärte – die Autorin Ilse Aichinger.

Wir trafen uns bei ihrem Verleger. Aichinger, damals bereits 84 Jahre alt und vom Leben gebeugt, sprach langsam und bedächtig. Sie nahm sich viel Zeit, erzählte bereitwillig von ihren frühen Jahren unter den Repressionen der Nazis, wie sie die Kriegsjahre untergetaucht als „U-Boot“ in Wien überlebte, von ihrem ersten Erfolg – dem Roman „Die größere Hoffnung“ - aber ebenso von den Mühen des Alters, von täglichen Kinobesuchen, „um die eigene Existenz zu ertragen“, und schließlich vom Tod ihres ebenso berühmten Mannes Günter Eich.

 

Mit ihrer eigenwilligen Mischung aus gnadenloser Negativität, Trotz und doch einem Lebensmut, der einen dunkel schimmernden Hoffnungskern verriet, zog mich die Frau in ihren Bann. Ins Mark traf mich ihr Satz: „Ich habe mein ganzes Leben als eine einzige Zumutung empfunden“. Das sagte sie ganz ohne Verbitterung, sondern mit der Gelassenheit einer Wissenden. Leben, das ist aus ihrer Sicht Pflicht zum Über-Leben – „und dazu braucht es Mut“.

 

Mit Religion hat Aichinger laut eigenen Angaben nicht viel am Hut. Dennoch scheint sie mit ihren inzwischen 92 Jahren ein verborgenes Kraftwerk der Hoffnung in sich zu tragen. Hoffnung aber worauf? Was sie nicht verzagen lässt, verdankt sie, wie sie sagt, u.a. Pater Ludger Born. Als Leiter der „Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ vermittelte er den dort Versammelten – darunter auch Aichinger - „das Gefühl, dass unsere Existenz nicht ganz umsonst ist.“

 

Es sind die Erfahrungen jener, denen das Leben als Zumutung erschien, die – nicht selten mit dem Mut der Verzweiflung – ihrem Schicksal die Stirn geboten haben und die uns glücklich Nachgeborenen heute den Imperativ abnötigen, Mut zu haben und dem Himmel ein Stück jener Hoffnung abzutrotzen, die die Welt verweigert. Es war unser Gespräch eines der letzten Interviews, die Ilse Aichinger seither gegeben hat. Es hat mich ermutigt. Bis heute.

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