Was Herz und Hirn verklebt

Bild: http://hf.uni-koeln.de/blog/medien
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Ich habe einen Neujahrsvorsatz gefasst. Nein, es geht nicht um's Essen, auch nicht um's (weniger) Trinken, sondern um Seelenhygiene: Ich habe mir vorgenommen, jene Dinge weg zu lassen, nicht mehr zu lesen, nicht mehr wahrzunehmen, schlichtweg zu ignorieren, die Herz und Hirn verkleben. Als Medienmensch nicht ganz einfach. Ständig wird man umspült, manchmal geradezu überspült von Unnötigem, von Ärgerlichem, oft von einfach nur Dummem, wozu ich u.a. den Großteil der üblichen PR-Texte zähle, mit denen man auch als kirchlich verpflichteter und religiös imprägnierter Journalist tagtäglich zu tun hat.

Dazu zählen aber ebenso einige "professionelle" Medien wie "Kronenzeitung", "Heute" und "Österreich". Weihnachten erdet. Nicht nur spirituell, auch medial. Man atmet auf, wenn man sich mal eine Pause von der medialen Verdummungsmaschine gönnt, die für gewöhnlich die gereizt stampfende Begleitmusik zum Tage bildet.

 

Ah, alles klar, Medienbashing, Kulturkritik, ein alter Hut, mögen Sie nun vielleicht denken. Nein, nicht ganz, denn so verlockend eine Totalkritik a'la Adornos Kulturindustrie-These wäre, so sehr liebe ich diesen Medienzirkus ja auch. Medien erzeugen die kostbare Illusion eines Common sense in einer an sich hoffnungslos zersplitterten Öffentlichkeit; Medien generieren überhaupt erst jene Öffentlichkeit, von der wir behaupten, sie trage als kritische Instanz die Demokratie, sie sei das Unterfutter der Deliberation, der Kunst des Unmöglichen - der Politik.


Die Krise des Politischen, wie sie u.a. in der von Korruption, Freunderlwirtschaft und Postenschacherei zerfressenen österreichischen Polit-Landschaft zu Tage tritt, ist in ihrem Ursprung eine Krise der politischen Öffentlichkeit und damit eine Krise der Medien. Und damit meine ich nicht die Frage, ob der ORF "rot" und die Zeitung "Presse" "schwarz" sind - nein, es geht um einen existenziellen Mangel an gutem Journalismus und an Foren, in denen sich dieser an politischen Themen abarbeiten kann. Ernst zu nehmende, essaybegabte Autoren kann man an einer Hand abzählen, andere hätten die Kompetenz, sie flüchten sich jedoch lieber in die innere Emigration oder in den Zynismus. Ach ja, und es geht um einen ebenso existenziellen Mangel an gewogener Aufmerksamkeit, an Publikum für die wenigen Foren, in denen kritische Öffentlichkeit überlebt...


Grob geschnitzt? Mag sein, aber jeder gelernte Österreicher möge bitte zumindest hin und wieder einmal Debatten in großen deutschen Medien verfolgen, um zu erkennen, was wirkliche Debattenkultur sein kann - und umgekehrt sei meinen deutschen Landsleuten empfohlen, hin und wieder österreichische Medien zu konsumieren, um den kostbaren Schatz wieder schätzen zu lernen, den man mit u.a. einem hochgerüsteten föderalen (öffentlich-rechtlichen) Mediensystem in Deutschland in Händen hält!


In meinem eigenen, kleinen medialen Schrebergarten der kirchlichen oder religionsaffinen Publizistik sieht es nicht minder dramatisch aus. Kirchliche Pressestellen sehen es als erstrebenswertes Ziel an, in der "Krone" Geschichten zu platzieren, Kirchenzeitungen hungern sich journalistisch mit einem selbstverordneten 1.500-Zeichen-Niveau zu Tode. Im Übrigen nehme ich meine eigene Diensttätte, die KATHPRESS, von dieser Kritik nicht aus. Vieles, was wir produzieren, dient nicht der Idee, eine kirchliche "unterbrechende Gegenöffentlichkeit" (K. Gabriel) zu initiieren, es dient weder einer "Repolitisierung des Privaten" noch einer "Renormativierung der Öffentlichkeit", wie sie der Theologe Jürgen Manemann gefordert hat, nein - es dient dem allgemeinen medialen Hintergrundrauschen. Nicht alles, aber vieles. 


Es ist zugegebenermaßen schwer, sich von diesen Dingen frei zu machen und also an jenem Ast zu sägen, auf dem man selber sitzt. Aber wie gesagt: Ich möchte diesen Ast nicht zersägen, sondern ihn nur säubern von jenem Totholz und Wildwuchs, der mir die Sicht versperrt. Am wildesten wuchern an diesem Ast wohl die verschiedenen Webangebote, mit denen ich tagtäglich konfrontiert bin, die über Google-Allerts oder Twitter-Tools auf meinen Monitor gespült werden. Ob sie nun katholisches.info, kath.net oder sonstwie heißen - ihnen allen ist zu eigen, dass sie unnötig Aufmerksamkeit binden und Relevanz vorgaukeln, wo meist nur heiße Luft oder ein aggressives Verleumdungs- und Denuntiationswesen dahinter stecken.


Viel dieser heißen Luft ist entwichen unter dem Pontifikat von Papst Franziskus. Im professionellen Medienzirkus spielen diese Portale nur mehr eine Rolle, wenn es um Skandalisierung und Kampagnisierung geht. Als Informationsquelle sind sie irrelevant, innerkirchlich bieten sie eine Nabelschau der hierarchisierten Eitelkeit und ein Skurrilitätenkabinett an Kommentaren und Meinungen.


Es ist ein gutes Gefühl, sich zum Jahresbeginn 2015 von all dem loszusagen. Vielleicht wird es mir ja diesmal gelingen, mal einen Neujahrsvorsatz durchzuhalten. Die Zeichen stehen jedenfalls gut.

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