Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Concilium" hat der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz in neun Thesen eine Art theologisches Vermächtnis formuliert. Im Fokus dabei: Das biblische Zeitverständnis und das Gott-Denken im Horizont befristeter Zeit


Foto: pexels.com / CC0 public domain
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erschienen in: Kathpress "Info-Dienst" vom 23. Dezember 2016


Biblische Texte sind "ver-rückte" Texte. Im wahrsten Sinne. Denn sie verrücken den Blick und stellen das menschliche Leben ganz in den Horizont des einen Gottes. Diese simple Botschaft klingt wesentlich weicher und modernitätsverträglicher, als sie eigentlich ist. Oder haben Sie schon einmal versucht, einem säkular gestimmten Zeitgenossen diese Botschaft von einem Leben "im Horizont Gottes" zu erklären? Wer es versucht, greift dabei nicht selten auf einen hermeneutischen Trick zurück - etwa indem man behauptet, das biblische Weltbild sei ein "archaisches" und mit dem heutigen, modernen Weltbild nicht mehr zu vereinbaren - mehr noch: das biblische Weltbild sei schließlich das Weltbild des archaischen, voraufgeklärten Menschen.

Doch schüttet man dabei vielleicht das Kind mit dem Bade aus? Liegt nicht gerade in diesem "ver-rückten" Zeitverständnis, das tatsächlich von einem Ende der Zeit - nämlich Gott - ausgeht, der eigentliche Stachel der biblischen Botschaft? Und neigt die christliche Theologie, wo immer sie etwa von Ewigkeit spricht - auch in der Liturgie! - dazu, der biblischen Botschaft ihren Stachel zu ziehen? Diese Fragen sind es, die den Münsteraner Theologen Johann Baptist Metz (88) zeitlebens umgetrieben haben - und die ihn nun dazu veranlassten, in der - von ihm mit gegründeten - Fachzeitschrift "Concilium" in einem kurzen, neun Thesen umfassenden Text unter dem Titel "Gott in Zeit" so etwas wie sein persönliches theologisches Vermächtnis zu formulieren. Der Text stellt eine überarbeitete Version eines Briefes an seinen theologischen Weggefährten Johann Reikerstorfer dar.

Metz' Lebensthemen - die Theodizee, die anamnetische Rationalität, die Erinnerung an die entstellten Antlitze der Leidenden und ihre unabgegoltenen Hoffnungen, das Ringen um die anthropologische Wende in der Theologie - sie alle schießen zusammen in seinem Versuch, die biblische "vergessene - unvergessliche Apokalyptik" aus dem Schmuddeleck der Theologie zu holen und sie wieder dort zu verorten, wo sie hingehört: ins Zentrum der Rede von Gott. Tatsächlich nämlich erliege die christliche Theologie bei dem Versuch, Gott, Wahrheit und Zeit zueinander ins Verhältnis zu setzen, allzu leicht der Versuchung, in ein "transzendentales Indentitätsdenken" zu verfallen, statt den mühsamen Weg eines "temporalen Nichtidentitätsdenkens" zu wagen.

"Verzeitlichung der Zeit"

Tatsächlich nämlich stelle das Denken von befristeter Zeit eine große Provokation für das moderne Zeitempfinden und Denken dar. Das Metzsche Plädoyer fällt dabei eindeutig aus: Nur durch eine "Verzeitlichung der Zeit" - also ein Zeit-Denken, das einen Anfang und ein Ende kennt - könne "End-gültigkeit" gedacht werden, die auch in Praxis hineindrängt; schließlich sei der biblische Gott ja "keine geschichtslose Idee, sondern a priori ein praktischer Gedanke". Die biblische Botschaft habe insofern "nicht eigentlich einen zeitlosen Kern, sondern einen Zeitkern". Ganz anders die moderne Welt und ihr Zeitverständnis: Dieses sei laut Metz von einer "zeitlosen Zeit" geprägt - "bedingungslose und endlose, verheißungslos-'leere' und überraschungsfreie Zeit, eben 'Ewige Zeit'". Dieser Begriff herrsche in Wissenschaftswelt ebenso wie in den Naturwissenschaften oder in der von digitalen Technologien bestimmten Alltagswelt, so Metz.

Der biblische Glaube hingegen gehe von einem Leben im Horizont befristeter Zeit aus. Der Sammelbegriff dazu lautet Apokalyptik - diese meine nämlich gerade keine "Katastrophenlehre", wie es der Alltagswortschatz befindet, sondern eine "Zeitlehre": Apokalyptische Texte seien schließlich keine "Dokumente leichtsinniger oder zelotisch angeschärfter Untergangsphantasien", auch keine "gnostisch-spekulative 'Entschleierung der letzten Weltgeheimnisse'", sondern vielmehr Zeugnisse einer besonderen Weltwahrnehmung, "die die Antlitze der Leidenden 'aufdecken' will" und die damit enthüllen will, "was wirklich der Fall ist".

Insofern erscheine die Weltzeit aus der Perspektive der biblischen Apokalyptik "nicht als anonyme Naturzeit, sondern als Geschichtszeit der Menschheit" - ein Zeitdenken also, das die Opfer der Geschichte nicht unter den Teppich ewiger Zeitläufte kehrt, sondern ihnen eine Stimme und ein Recht gibt - und den Menschen damit zugleich unter Zeitdruck stellt, um zu handeln, als wenn es - buchstäblich - kein morgen gäbe: "Der Glaube an den biblischen Gott bricht in der Religionsgeschichte der Menschheit den Bann der Ewigen Zeit", so Metz.

Apokalyptische Christologie

Auch die Jesusgeschichte sei insofern als eine "apokalyptische Geschichte" zu lesen, als die Aussage der Wiederkehr Jesu schließlich nicht auf eine Wiederkehr im Hier und Jetzt ziele, sondern auf eine Beendigung der Zeit, die als katastrophisch empfunden wird. Diese "Suche nach der verlorenen Zeit" führt dabei laut Metz nicht etwa in die hellenistische Philosophie, also nach Athen, sondern nach Jerusalem - in die "prophetisch-anamnetische Kultur Israels". Dort sei die Gottesrede - anders als in der spekulativen hellenistischen Philosophie - nicht als Idee gedacht worden, sondern gleichsam erstritten, erlitten und erzählt worden; stets eng verknüpft mit dem Schicksal konkreter Menschen.

Und so formuliert Metz gleichsam als Erbe und Auftrag: "Die theologische Rückgewinnung des Zeit- und Geschichtskerns im Christentum kann nicht über eine selbst schon von allen Unterbrechungserfahrungen gereinigte Eschatologie geschehen, sondern nur über ein von der biblischen Apokalyptik (und ihrer Theodizee) angestoßenes Nichtidentitätsdenken. Christuswissen kann nicht ausschließlich am Schreibtisch und vor der einschlägigen Bücherwand erworben werden. Dieses Wissen muss die 'Weisheit der Praxis', der zeitbezogenen Nachfolgeerfahrung in sich aufgenommen haben. Die konkrete Nachfolgesituation gehört schließlich zur 'Definition' des Christseins." Und so sehe er die besondere und bleibende Aufgabe in der christlichen Theologie, sich der Versuchung einer Enttemporalisierung auch in der Theologie entgegenzustemmen und "um des Begriffs der Wahrheit und der Gottesrede willen" eine "verzeitlichte Zeit in die theologische Begriffsbildung entschiedener einzubeziehen".

Schließlich - so Metz' ökumenischer Brückenschlag am Ende - sei diese Aufgabe letztlich eine konfessionsübergreifende, einende Aufgabe. Und könnte nicht das aktuelle Reformationsgedenken eine Gelegenheit bieten, "die in den Theologien beider Konfessionen immer wieder aufbrechende Hellenisierungsdebatte zu überfragen im Blick auf die in beiden biblischen Testamenten des christlichen Glaubens angebotenen Vorgaben für eine lebendige Einheit christlicher Theologie"?

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