"Vom Standpunkt der Erlösung aus": Zum 50. Todestag Adornos

Vor 50 Jahren, am 6. August 1969, starb mit Theodor W. Adorno ein Meisterdenker des Jahrhunderts. Mit Religion hatte er eigentlich nie viel am Hut - und doch fasziniert sein Denken gerade Theologen bis heute. Eine Spurensuche.

 

Foto: Jjshapiro at English Wikipedia [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]
Foto: Jjshapiro at English Wikipedia [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Wer den Himmel auf Erden sucht, der sollte in den Odenwald fahren. Genauer gesagt: nach Amorbach. Das beschauliche Städtchen war für einen der größten deutschen Denker des 20. Jahrhunderts, den Philosophen Theodor W. Adorno, nicht nur Ort zahlreicher Sommerfrischen, sondern es wurde ihm im Laufe der Jahre und vor allem zur Zeit des verhassten Exils in den USA zu einem geradezu metaphysisch aufgeladenen Sehnsuchtsort. "Es gehört für mich zu den schönsten Erfahrungen, dass ich in Amorbach, dem einzigen Ort auf diesem fragwürdigen Planeten, in dem ich mich im Grunde zuhause fühle, nicht vergessen worden bin" - notierte Adorno 1968 in einem Brief an eine Kauffrau aus Amorbach.

Heimatsuche auf einem fragwürdigen Planeten - ein Motiv, das zahlreiche Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesichts des geschichtlich verdunkelten Horizontes miteinander teilten. Auch Ernst Bloch kannte diese adornische Sehnsucht nach "etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat", wie er im "Prinzip Hoffnung" schrieb. Heimat, Heil, gar Erlösung - ungewöhnliche Worte für marxistische Denker, die sich eigentlich als Paradebeispiele "religiös unmusikalischer" Aufklärer verstanden. Was trieb sie, was trieb Adorno dazu? Erlebte er im Alter gar so etwas wie eine "religiöse Wende"?

Brucherfahrung Auschwitz

Ein biografischer Tauchgang nach religiösen Motiven und Erfahrungen bleibt weitgehend ergebnislos. Gewiss, Adornos Mutter, die Sängerin Maria Calvelli-Adorno, war eine Katholikin, Adorno selbst war in seiner Kindheit zumindest kurzzeitig Ministrant. Von ihr hat Adorno nicht nur seine Kunstsinnigkeit, sondern auch seine Liebe zur Musik - auch zur geistlichen Musik - geerbt. Sein Vater, der Weingroßhändler Oscar Alexander Wiesengrund, war jüdischer Herkunft, selbst jedoch praktizierte er den Glauben nicht. Eine erste Spur legt indes die Publizistin Dorothea Razumovsky, von der die Einschätzung stammt, Adorno sei nicht durch seinen liberalen, weltoffenen Vater, sondern letztlich durch Hitler zum Juden geworden.

Und tatsächlich hebt bei Adorno die Befassung mit Religion, speziell mit den Erlösungsvorstellungen, die der jüdische Messianismus bereit hält, in dem Moment an, wo ihn die Verdunkelung des geschichtlichen Horizontes, wie sie sinnfällig im Auschwitz zum Ausdruck kommt, mit voller Wucht trifft. Die Konfrontation mit dem systematischen Massenmord der Nationalsozialisten ist für Adorno nämlich mehr als "nur" ein Ereignis in der Geschichte. Es legt Geschichte frei - nämlich die Geschichte in ihrer katastrophischen Zuspitzung.

Vor diesem Hintergrund einer tiefschwarzen Geschichtsphilosophie und einer tiefen Skepsis im Blick auf die Zukunft des Menschen hat Adorno u.a. den viel diskutierten Satz formuliert: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" - eine Aussage, die er nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Lyrik Paul Celans teilweise zurücknahm, nicht jedoch, ohne auf eben diese tiefe, anthropologische Versehrung des Menschen durch die Singularität des Holocausts hinzuweisen: "Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen", so Adorno in der "Negativen Dialektik".

Der Schrei der Opfer der Geschichte

Theologisches kommt hier insofern ins Spiel, als sich an der Judenvernichtung intensive Debatten vor allem zwischen seinem philosophischen Alter Ego Max Horkheimer und dem Literaturkritiker Walter Benjamin entzündeten. Auf einem Zettel, den man bei Benjamin nach seinem Selbstmord 1940 an der französisch-spanischen Grenze fand, hatte dieser notiert: "Das Glück ist uns nur vorstellbar in der Luft, die wir geatmet, unter den Menschen, die mit uns gelebt haben. Es schwingt mit anderen Worten in der Vorstellung vom Glück die Vorstellung der Erlösung mit. Dieses Glück ist fundiert auf eben der Trostlosigkeit und eben der Verlassenheit, die die unsern waren." Damit war es in der Welt: Das Wort von der Erlösung - allerdings nicht religiös verklärt, sondern gleichsam historisch-katastrophisch geerdet.

In einem frühen Briefwechsel zwischen Horkheimer und Benjamin findet sich schließlich ein weiterer Hinweis, der zeigt, wie ernsthaft sich gerade jener Kreis an Denkern mit theologischen, ja, messianischen Motiven befasste, der später zu Säulenheiligen einer linken, Religion als überkommen-rückständige Beharrungskraft ansehenden Studentenbewegung werden sollte. So liest man dort den Satz Horkheimers:

 

"Der Gedanke, dass die Gebete der Verfolgten in höchster Not, dass die der Unschuldigen, die ohne Aufklärung ihrer Sache sterben müssen, dass die letzten Hoffnungen auf eine übermenschliche Instanz kein Ziel erreichen und dass die Nacht, die kein menschliches Licht erhellt, auch von keinem göttlichen durchdrungen wird, ist ungeheuerlich".

 

Viele Jahre später führte Horkheimer diesen Aspekt in einem Interview mit dem "Spiegel" 1970 weiter aus, als er schrieb: "Theologie bedeutet das Bewusstsein davon, dass die Welt Erscheinung ist, dass sie nicht die absolute Wahrheit, das Letzt ist. Theologie ist - ich drücke mich bewusst vorsichtig aus - die Hoffnung, dass es bei diesem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge... Ausdruck einer Sehnsucht, einer Sehnsucht danach, dass der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge."

Steigt man von dieser generellen Fühligkeit der frühen Vertreter der sogenannten "Frankfurter Schule" für religiöse und theologische Motive noch eine Stufe tiefer hinab in das Werk Adornos, so zeigen sich doch Unterschiede im Detail: Während nämlich Horkheimer und Benjamin um Fragen der Gerechtigkeit vor dem Hintergrund einer - von beiden ersehnten und auch erwarteten - klassenlosen Gesellschaft rangen, ging es Adorno um etwas anderes: Um die Frage der Möglichkeit von Erkenntnis und Wahrheit. Wahrheit ist nach Adorno nämlich nur dort anzutreffen, wo es zur Versöhnung von Subjekt und Objekt, von Natur und Subjekt kommt - beide jedoch sind historisch spätestens in dem Moment unrettbar auseinandergefallen, wo sich der Mensch wie in Auschwitz gegen sich selbst versündigte.

Erkenntnis im Licht der Erlösung

Seinen vielleicht stärksten Ausdruck findet diese Verbindung von Wahrheit und Erlösung bei Adorno im letzten Text seiner berühmten Aphorismensammlung "Minima Moralia - Reflexionen aus dem beschädigten Leben". Der Text trägt den Titel "Zum Ende" - und tatsächlich liest er sich wie ein Vermächtnis. Er hebt an mit den Sätzen:

 

"Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik."


Es sind Sätze und Gedanken wie diese, die bis heute Theologen elektrisieren. In den 1970er und 80er-Jahren gab es entsprechend eine Reihe von theologischen Publikationen, die sich wohlwollend an Adorno abarbeiteten. Heute - so berichtet der Frankfurter Philosoph Prof. Thomas Schmidt - sei dieses Interesse wieder neu erwacht. Zum einen, weil weder die Theologie noch die Philosophie heute jenen Mut aufbringen, der Adorno zu eigen war, nämlich Geschichte im Singular auszubuchstabieren, als ablaufende Frist, als rein innerweltlich betrachtet rettungsloses Himmelfahrtskommando. Zum anderen, weil Adorno bereits früh - viele Jahre vor Jürgen Habermas, der einen ähnlichen Ansatz verfolgt - von einer "Rettung theologischer Motive im Profanen" sprach.

Dies mache Adorno bis heute für Theologen interessant, "die sich fragen, was unter modernen, wissenschaftlichen, pluralistischen Bedingungen an einem theologischen Erbe noch gerettet werden", so Schmidt. Und so gilt Adorno einer heute wieder wachsenden Gruppe "gewissermaßen als ein 'Rettungskommando', als ein Versuch, das Theologische unter modernen Bedingungen zu bergen und zu bewahren."

Vor 50 Jahren - am 6. August 1969 - starb Adorno in der Schweiz. Beigesetzt wurde er auf dem Frankfurter Zentralfriedhof. Ob er lieber in Amorbach seine letzte Ruhe gefunden hätte, ist nicht überliefert. Doch auch Frankfurt war Adorno zeitlebens so etwas wie Heimat - zumindest intellektuell, war hier doch "sein" Institut für Sozialforschung angesiedelt. Den Himmel auf Erden oder gar Erlösung findet man dort zwar nicht, wohl aber vermag der Blick in die mit diesem Institut und seinen Mitarbeitern verbundenen Debatten noch heute den Geist zu beleben und dafür zu sensibilisieren, dass sich Geschichte nicht in "Timelines" erschöpft, sondern durchdrungen ist von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Ein kleines theologisches Glutnest, gewiss, aber eines, das bis heute in der Philosophie Funken schlägt.

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