"Der Terror von Paris ist ein neues Phänomen"

Die Frage der Religion ist angesichts des Terrors in Paris und in Syrien "sekundär". Vielmehr könne der Terror als "faschistisches Syndrom" analysiert werden, der auf eine Destabilisierung der Gesellschaft ziele. Diese Ansicht hat der Hannoveraner Theologe und Direktor des "Forschungsinstituts Philosophie" (fiph) Jürgen Manemann in einem Interview mir gegenüber vertreten, das am 15. Januar 2015 in der Wochenzeitung "Furche" erschienen ist.


 

Die Welt scheint derzeit im Würgegriff des Terrors zu sein, im Nahen Osten wütet der IS, mit dem Anschlag in Paris ist der Terror in Europa angekommen. Die Frage nach dem Ziel des Terrors steht im Raum. Haben Sie eine Antwort?

Jürgen Manemann: Wir sollten uns vor allzu raschen Antworten und Einordnungen der Ereignisse hüten. Der Terror, mit dem wir es in Paris, aber auch im Nahen Osten derzeit zu tun haben, ist ein neues Phänomen. Er präsentiert sich nach außen vielleicht als religiös motiviert. Doch täuschen wir uns nicht: Es handelt sich um eine extreme, eine nihilistische Form der Gewalt, die kein Ziel mehr kennt außer sich selbst. Sie zielt auf den Tod des Anderen. Eine Erklärung des Phänomens als "religiöse Gewalt" oder "islamischer Fundamentalismus" rationalisiert diese neue Gewaltdimension vorschnell und verdeckt das Neue.

Dennoch: Was haben die Täter in Paris mit ihrer Tat bezweckt?

Manemann: Sie wollen Schrecken verbreiten. Der Zweck jeder Form terroristischer Gewalt ist die Destabilisierung der bestehenden Gesellschaftsordnung. Die Ratio dieses Terrors besteht darin, dass er in höchst professioneller, kalkulierter Form Unberechenbarkeit generiert und die Gesellschaft in den Zustand permanenter Angst versetzt. Die Beliebigkeit der Opfer bei den medial öffentlich gemachten Hinrichtungen des IS soll zeigen: Es kann jeden treffen. Aber der Sinn dieser Gewalt geht nicht darin auf. Die Gewalt selbst scheint für die Täter sinnstiftend zu sein.

 
Welche Spuren hinterlässt dies im Gedächtnis einer Gesellschaft?

Manemann: Diese Frage lässt sich jetzt noch nicht beantworten. Die Attentate in Madrid, denen vor elf Jahren 191 Menschen zum Opfer fielen, scheinen keine tiefen Spuren hinterlassen zu haben. Wir neigen dazu, diese beispiellosen Formen der Gewalt in einer Weise zu rationalisieren, das wir sie mit gängigen Erklärungen zudecken. Damit aber verdrängen wir, dass diese Gewalt und die Täter ja aus unseren eigenen Gesellschaften kommen. Diese Gewalt hat immer auch mit uns zu tun. Sie betrifft zutiefst unser Selbstverständnis. Sich damit auseinanderzusetzen verlangt auch, in den eigenen Spiegel zu schauen.

Diese Gewalt ist also weniger das Phänomen einer pervertierten Religion als Ausdruck einer pervertierten Moderne?

Manemann: Ja, wir müssen uns der Frage stellen, was junge Menschen, die in unserer Gesellschaft aufgewachsen sind, anfällig macht für diese extremen Gewaltformen. Wir diskutieren jetzt seit Jahren das Verhältnis von Religion und Gewalt, ohne dabei wirklich weiter zu kommen. Wir sollten bei der Analyse anders ansetzen und etwa auf Erkenntnisse der Faschismusforschung zurückgreifen. Der IS ist ein faschistisches Syndrom, er zielt auf die Maximierung von Ungleichheit und ist streng nach faschistischen Prinzipien der Dauermobilisierung und dem Führerprinzip strukturiert. Seine Anhänger haben ein libidinöses Verhältnis zur Gewalt.

Aber was macht westlich sozialisierte Menschen anfällig dafür?

Manemann: Die Anfälligkeit für nihilistische Gewalt resultiert aus einer extremen psychischen Not, aus einer geradezu spirituellen Krise. Wenn Menschen sich selbst in materiell abgesicherter Existenz nicht mehr anerkannt fühlen, wenn sie keinen Sinn mehr in ihrer Existenz sehen, dann droht ein Nihilismus, eine radikale Vergleichgültigung der Welt, die in ein gewaltvolles Nein zum Leben des Nächsten münden kann, in Gewalt und Tod. Es tritt eine Perversion ein: Das Sinnlose wird als sinnhaft empfunden. Wir werden die Gewalt und den Terror nicht stoppen können, ohne die Frage umfassender sozialer Teilhabe an der Gesellschaft zu diskutieren. Menschen wollen schließlich nicht nur überleben, sondern ein gutes Leben führen.

Zurück zur Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt: Teilen Sie die Einschätzung, dass die Religion, in dem Fall der Islam, bloß instrumentalisiert wird?

Manemann: Wie gesagt halte ich die Frage von Religion und Gewalt bei den aktuellen Krisenherden in Nahost, aber auch in Paris für sekundär. Ich halte es aber für verkürzend, wenn nun alle Seiten die friedfertige Seite der Religion betonen und religiös motivierte Gewalt als bloß pervertierte Religion darstellen. Religionen können Frieden stiften und fördern; sie besitzen aber auch das Potenzial, Krieg und Intoleranz zu fördern. Wie Religion sich auswirkt, hängt davon ab, welche gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Verbindungen sie eingeht.

Gibt es theologische Marksteine, die eine Einschätzung der Gewaltaffinität von Religion ermöglichen?

Manemann: Eine wesentliche Fähigkeit, die eine Religion besitzen muss, um ihre eigenen dunklen, gewaltvollen Flecken auszuleuchten, ist die Fähigkeit zur Infragestellung ihrer selbst. Theologisch gesprochen stellt die Theodizeefrage, also die Infragestellung Gottes aufgrund realer abgründiger Leidenserfahrungen, einen solchen Motor der Selbstreflexivität dar. Eine "gute Religion" erkennt man genau daran: Dass sie totalitäre Neigungen in ihr selbst in Frage stellt und dem Fremden einen hohen Stellenwert einräumt. Dazu gehört auch die Fähigkeit zur Infragestellung tradierter Hierarchien.

Was heißt das beim Islam?

Manemann: Ich bin kein Islamexperte, aber wenn man dem Orientalisten Navid Kermani glauben darf, dann gibt es die Theodizeefrage als Anklageform Gottes im Koran nicht, wohl aber in den mystischen Traditionen des Islam. Anders gesagt: Nach den jüngsten Gewaltexzessen, die im Namen des Islam verübt worden sind, müsste die Gretchenfrage an die islamische Theologie lauten: Wie hast du's mit der Theodizee? Welchen Stellenwert hat Selbstreflexivität im Islam?

Eine Forderung, die reichlich akademisch klingt ...

Manemann: Das glaube ich nicht: Die Warum- Frage stellt sich vermutlich jedem Menschen. Wie sich allerdings eine Religion entwickelt, hängt nicht in erster Linie vom akademischen Diskurs ab, sondern davon, wie sie gelebt wird. Es hilft nicht, auf die Friedfertigkeit zu verweisen und damit auf eine abstrakte Idee. Es gibt schließlich weder "den Islam" noch "das Christentum" als Idee, sondern nur die konkrete Praxis der Gläubigen. Und daran entscheidet sich, ob es sich um eine "gute" oder um eine "schlechte" Religion handelt. Anders gesagt: Auch wenn die islamischen Verbände und Theologen sich von dem Geschehenen distanzieren, ein Aufstand der muslimischen Basis in der Öffentlichkeit ist wirkungsvoller, überzeugender und transformierender.

Welche Fehler gilt es in Reaktion auf die Pariser Anschläge zu vermeiden?

Manemann: Das Ziel des Terrors ist es, Hass unter uns zu säen und uns seine Logik der Gewalt und seine Regeln aufzuzwingen. Westliche Gesellschaften reagierten Stichwort Patriot Act nach 09/11 bislang darauf mit einer Einschränkung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zur Terrorbekämpfung. Dieser Weg ist aber eine Sackgasse: Die Antwort darf nicht in einer Einschränkung bestehen, sondern in einer neuen Wertschätzung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und in einer verstärkten Wahrnehmung der seelischen Nöte junger Menschen in unseren Gesellschaften.

Was meinen Sie da konkret?

Manemann: Damit Demokratie tatsächlich als "Wert" erfahren wird, auf den medial derzeit ja ständig hingewiesen wird, braucht es mehr: nämlich den Glauben an die Demokratie. Demokratie ist kein bloß mechanischer Ablauf von regelmäßigen Wahlgängen und kalter Rechtsstaatlichkeit. Demokratie beruht auf einem Glauben an die Werthaftigkeit der notwendigen Verschiedenheit.

In Deutschland beherrscht seit einigen Monaten das Stichwort PEGIDA die Debatten. Wird PEGIDA angesichts des Pariser Terrors weiter an Stärke gewinnen?

Manemann: Nein, ich sehe eher, dass das Gegenteil eintritt: Immer mehr Bürgerinnen und Bürger gehen auf die Straße, um gegen PEGIDA zu demonstrieren und immer mehr Menschen engagieren sich für Flüchtlinge. Meine Hoffnung ist, dass eine Bürgerbewegung für Flüchtlinge entsteht.

Sie beteiligen sich selber an Demonstrationen gegen PEGIDA. Was ist Ihre zentrale Kritik an dieser Bewegung?

Manemann: Man muss ganz klar festhalten, dass PEGIDA keine politische, sondern eine anti-politische Bewegung ist. Angesichts von anschwellenden Flüchtlingsströmen fordert PEGIDA eine Abschottung. Mitleidenschaft wird durch Ressentiment er setzt. Politik hingegen bedeutet, sich für das Gemeinwohl, und damit auch fürs Wohl der Flüchtlinge einzusetzen, die Bedürfnisse des Nächsten wahr- und ernstzunehmen. PEGIDA will das Gegenteil. Ihre Rufe Wir sind das Volk zeugen nicht von Solidarisierung, sondern von Ausgrenzung und Aufhebung der Pluralität. Wer aber Pluralität aufhebt, zerstört Politik.


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"Der Terror von Paris ist ein neues Phänomen"
Interview mit fiph-Direktor Prof. Jürgen Manemann, erschienen in der Wochenzeitung "Furche" am 15. Januar 2015
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